Überspringen zu Hauptinhalt

Südengland, Isle of Wight & London

Bericht vom 7. – 14. Juli 2018 | Bus Nummer 27

Weiterempfehlen / Teilen

Es berichtet für Sie unsere Reiseleiterin

Gassmann-Roswitha-DSC_1738

Roswitha Gassmann

«Was suchen wir andere Länder unter anderer Sonne? Entkommt, wer sein Land hinter sich lässt, sich selber?» von Horaz

Weitere Infos

Wie bist du Reiseleiterin geworden?

Ich war vor ein paar Jahren sehr lange zu Fuss, nur mit meinem Rucksack, unterwegs und habe dabei erfahren, dass ich meine bisherige Tätigkeit ändern möchte. Anfangs wusste ich noch nicht genau was dies beinhalten sollte. Fest stand nur, dass es eine Arbeit sein sollte, die mich vermehrt in Kontakt mit Menschen bringt. Schritt für Schritt wurde ich Reiseleiterin.

Was gefällt dir an dieser Tätigkeit besonders?

Die Nähe zum Menschen gefällt mir besonders gut. Ich kann 1:1 spüren, wie es den Gästen geht und allenfalls etwas dazu tun, damit auch alle zufrieden sind. Die Arbeit hat auch eine gewisse kreative Seite. Das gefällt mir gut. Zudem kann ich selbständig handeln. Als sehr schön empfinde ich auch immer die tollen und lieben Worte am Schluss einer Reise.

Wie bist du Reiseleiterin geworden?

Ich war als Gast unterwegs in einer Gruppe. Als der Reiseleiter entdeckte, dass ich mich in mehreren Sprachen mit Leichtigkeit unterhielt, sagte er mir: «Wir brauchen ganz dringend Leute wie Sie». Da ich gerade an einem beruflichen und privaten Scheideweg stand, nahm ich die Aufforderung an und bewarb mich – mit Erfolg.

Was zeichnet dich als Reiseleiterin aus?

Die Neugierde für neue Länder, Geschichten, Kultur, aber auch die Freude an den Menschen, die ich betreue.

Worin siehst du die Vorteile / den Mehrwert einer Gruppenreise?

Die Gäste sitzen im Bus, können hinausschauen, schlafen, lesen, und an den Zieldestinationen ist alles organisiert. Die Gäste können sich entspannen und gehen lassen. Oft entstehen anlässlich solcher Gruppenreisen Freundschaften auf ewig.

Was gefällt dir an deinen Aufgaben als Reiseleiter bei Car Tours am besten?

Den Gästen zu einem unvergesslichen Erlebnis zu verhelfen. Die meisten sind sehr, sehr dankbar dafür.

Welches Reiseziel in Europa ist dein liebstes und warum?

Ein Kollege hat mir einmal gesagt: «Touristen reisen nur an schöne, spannende Orte, deshalb ist jede Destination reizvoll». Seither muss ich immer an ihn denken, wenn mir diese Frage gestellt wird. Mir gefällt es überall – am besten vielleicht dort, wo das Essen gut!

Welche drei Dinge sind auf jeder Reise unverzichtbar?

Gute Gesundheit, Humor und die Zahnbürste

Was ist das lustigste, was du auf einer Reise mit einer Gruppe erlebt hast?

Hier hätte ich ein paar Geschichten auf Lager, allerdings stammen sie alle aus meiner Kuoni-Zeit. Ich kann jederzeit gerne nachliefern. Hier mal ein Beispiel:

Lang ist’s her: In Gran Canaria flogen jeden Sonntag zwei Schweizer Chartergesellschaften ein. Sata um 11.00 Uhr morgens, Balair um 13.00 Uhr nachmittags. Eines Tages kam Sata mit Verspätung und die Balair verfrüht an. Beide landeten um 12.00 Uhr. Mein Kollege von der Konkurrenz hatte auf beiden Maschinen Ankünfte und musste daher mit seinen verschiedenen Listen hantieren. Also fragte er alle Leute: „sind Sie mit der Sata oder mit der Balair gekommen?“ um gleich zu wissen, welche Liste er zur Hand nehmen musste. Da kam ein mittelalterlicher Herr, schaute Dominik auf seine Frage hin entsetzt an und sagte: „Ich?? Ich bin mit meiner Mutter gekommen“!!

Welches war das schönste Kompliment, das du von einem Gast erhalten hast?

Kürzlich: Es gab zwei Höhepunkte auf dieser Reise: die Oper Nabucco und Sie.

Was war dein schönstes Erlebnis bei Car Tours Reisen?

Auf meiner letzten Reise, als 47 Gäste in einer Weinverkostungskantine «joyeux anniversaire» für mich sangen. Dabei hatte ich es geheim behalten wollen.

Südengland, Isle of Wight & London

Noch beäugt man sich ein bisschen. Zu Beginn sind alle etwas zurückhaltend, das liegt in unserem schweizerischen Wesen – und die Nicht-Schweizer haben es im Laufe der Jahre übernommen. Spätestens nach drei Tagen, manchmal auch schneller, haben sie sich gefunden und geniessen die gemeinsamen Tage. Bereits am ersten Abend plaudert es sich rege. Alle Gäste scheinen sich wohlzufühlen in diesem hübschen, sauberen Hotel Mercure in Lille. Das hervorragende Essen trägt natürlich dazu bei. Zufrieden fallen wir ins Bett nach diesem langen Tag.

Wer hat die weissen Klippen von Dover je so weiss gesehen?! Sie blenden einen geradezu. Im Laufe der Reise verstehen wir es: England hat seit Menschengedenken keinen solchen Sommer gehabt. Seit über einem Monat hat es nicht mehr geregnet. Die Rasen sind allerorten ausgetrocknet. «Warum bewässert ihr nicht?» wollen wir von Chris wissen. «Weil wir nicht vorbereitet sind auf dieses regenarme Wetter». Chris ist unser Lokalführer in London. Er hat eine schöne Stimme und eine phantastische Diktion. Aber das Umwerfendste: Er hat einen grossartigen Humor und wir lachen eineinhalb Tage lang Tränen. Der ehemalige Maurice-Béjart-Balletttänzer mokiert sich über alles, über die Politik, über die geschichtsträchtige Vergangenheit des Landes, über die Könige und deren Anhang (Anhänge!) und wir lieben ihn einfach. Chris hat diesen sprichwörtlichen englischen Humor und die Stadtrundfahrt wird so nicht nur zu einer interessanten, sondern auch witzigen Exkursion.

Unser tolles Hotel könnte nicht besser liegen: Die Towerbrücke schwingt sich elegant über die Themse – direkt vor unseren Augen. Nebenan liegt der berühmt-berüchtigte Tower. Ursprünglich handelte es sich um einen königlichen Palast sowie eine Festung. Das Anwesen ist berüchtigt, weil viele Regierungsfeinde ihre letzten Tage und Nächte dort verbrachten. Zwei Frauen Heinrichs VIII. schmachteten hier während der letzten Tage vor ihrer jeweiligen Hinrichtung: Anne Boleyn, die zweite Frau von Heinrich VIII., sowie seine fünfte Frau, Catherine Howard. Beiden warf der König Untreue vor. Im Falle von Anne scheint der Vorwurf fraglich zu sein und auch Catherine mag von Missgünstigen zu Unrecht angeklagt worden sein. Chris erzählt uns zwar, sie sei in flagranti ertappt worden und sie habe vor der Hinrichtung gesagt, sie sterbe als Königin von England, sie wäre jedoch lieber als Ehefrau für den Mann gestorben, den sie liebe… Aber das könnte eine Legende sein.

Hampton Court am Montag. Das Schloss Heinrichs VIII. strahlt Erhabenheit und Eleganz aus. Man versteht sofort, wieso es der bevorzugte Wohnort vieler Könige war. Die grosse Schlossanlage ist ein Ort zahlreicher geschichtsträchtiger Ereignisse. Königliche Hochzeiten, Geburten, Taufen, Sterbefälle haben die Gemäuer gesehen. Auch hier führt uns Chris mit grossem Wissen und wunderbarem Spott durch die zahlreichen Räumlichkeiten. In der riesigen Küche wird gekocht wie Anno Domini. Angestellte in mittelalterlichen Kostümen erzählen, wie in früheren Zeiten für Hundertschaften gekocht und gegessen wurde. «Und wer isst diese am Spiess gebratenen, mehrere Kilo schweren Fleischkeulen und das in mühsamer Handarbeit hergestellte Marzipan heute?» Der Gefragte lacht: «Viele der hier Angestellten freuen sich täglich über ein gutes Essen. Wir verteilen es regelmässig unter ihnen.»

Am Nachmittag kämpft sich Leonel, unser Zerzuben-Fahrer, durch Londons Verkehrsgewusel. Wir bewundern seine unerschütterliche Ruhe in diesem Chaos, in dem er ja ausserdem links fahren muss! Aber er bringt uns sicher nach Greenwich. Der Ort ist jedem von uns ein Begriff, denn durch Greenwichs Sternwarte verläuft der historische Nullmeridian. Das weiss jeder. Die Zeitzone GMT ist nach ihm benannt: «Greenwich Mean Time». Reisen mit Car-Tours tragen immer auch zur Bildung bei. Wer hätte denn schon diese Abkürzung zu entschlüsseln vermocht? Eine gemütliche Schifffahrt auf der Themse bringt uns zurück zum Hotel Tower.

Viel zu früh verlassen wir London am Dienstagmorgen. Viele von uns haben jedoch beschlossen, wieder zu kommen – so vieles gibt oder gäbe es noch zu entdecken. Weiter geht es nun jedoch nach Stonehenge, dem in der Jungsteinzeit errichteten und mindestens bis in die Bronzezeit genutzten Bauwerk. Über den Zweck dieser Anlage existieren verschiedene Theorien. Ob es sich dabei um einen Kult- und Versammlungsplatz oder eine religiöse Tempelanlage handelt, vielleicht gar eine Begräbnisstätte oder ein astronomisches Observatorium, (weil einige Linien nach der Sommersonnenwende ausgerichtet sind), man weiss es nicht wirklich, aber es zieht jährlich Scharen von Touristen an, letztes Jahr waren es über 1,5 Millionen. Wir haben Glück, besuchen die Stätte bereits am Morgen und können daher die gewaltigen Steine in Ruhe bestaunen. Den Nachmittag verbringen wir im nahe gelegenen Salisbury. Die entzückende Stadt mit gut erhaltenen mittelalterlichen Fachwerkhäusern ist Sitz eines Erzbischofes der anglikanischen Kirche und einer grossartigen Kathedrale. Hier befindet sich die besterhaltene Kopie der Magna Carta aus dem 13. Jahrhundert. Von ursprünglich 13 Exemplaren existieren nur noch vier.

Die Magna Carta («große Urkunde der Freiheiten») ist eine von König Johann Ohneland am 15. Juni 1215 besiegelte Vereinbarung mit dem revoltierenden englischen Adel. Sie gilt nach wie vor als die wichtigste Quelle des heutigen englischen Verfassungsrechts. Die Magna Carta verbriefte grundlegende politische Freiheiten des Adels gegenüber dem englischen König. Der Kirche garantierte sie die Unabhängigkeit von der Krone. Das Dokument wird weithin als eines der wichtigsten rechtlichen Dokumente bei der Entwicklung der modernen Demokratie angesehen. Artikel 6 der Europäischen Menschenrechtskonvention lässt sich darauf zurückführen.

Am Mittwoch ist die Isle of Wight angesagt. Die Insel liegt im Süden von England, gegenüber Southhampton, und ist von aussergewöhnlicher Schönheit. Wohl deshalb ist ein Grossteil der Insel unter dem Motto «Area of outstanding natural beauty» besonders geschützt (= Gebiet von ausserordentlicher Naturschönheit). Nicht nur die Natur ist von grosser Schönheit, auch die Häuser sind gepflegt. Es ist, als ob die Hausbesitzer der Insel ihre Ehre mit besonders attraktiven Gebäuden und Gärten erweisen wollten. Im bezaubernden Städtchen Shanklin haben wir die Qual der Wahl für das Mittagessen – viele herausgeputzte Restaurants warten auf Gäste. Die strohbedeckten Häuser sehen alle samt und sonders einladend aus.

Die Isle of Wight war ein beliebter Zufluchtsort von Königin Victoria. Mit ihrer Familie zog sie sich oft zurück in das Haus, das sie gekauft und nach den Plänen ihres Mannes Albert hatte umbauen lassen. Hier ist sie im Jahre 1901 in Anwesenheit des Kronprinzen und späteren Königs Edward VII. gestorben. Letzterer hat das Anwesen dem englischen Staat geschenkt, heute ist es als Museum der Öffentlichkeit zugänglich und wir besuchen es. Prinz Albert, Victorias geliebter Ehemann, hat für die neun Kinder der königlichen Familie auf dem Grundstück gar ein «Swiss Cottage» bauen lassen. Hier bereitete der Vater seine Kinder auf ihre zukünftigen Pflichten vor. Die Töchter erlernten hier unter anderem das Kochen, (als hätten sie kein Dienstpersonal für derlei «niedrige» Tätigkeiten gehabt!), und übten sich im Gästeempfang, die Söhne halfen mit, das chaletartige Haus zu bauen (das Haus ist einem Chalet nachgebaut, deshalb «Swiss Cottage»).

An diesem Abend spielt Frankreich an der Fussball-Weltmeisterschaft gegen England und wir, das heisst vorwiegend die Männer, sind überglücklich, dass wir rechtzeitig zur Spielübertragung im Hotel sind. Zum Schluss des Matches sind die Engländer merkwürdig still, wenn nicht gar bedrückt…

In Portsmouth besuchen wir am Donnerstag die historische Schiffswerft. Auch wenn wir keine Seefahrernation sind, so ziehen uns doch Schiffe – und speziell alte Schiffe – an. Sie haben alle Geschichte(n) geschrieben. Und so staunen wir über das, was wir im Bauch der HMS Warrior (1860) alles vorfinden, und darüber, wie schwierig die Bedingungen in der HMS Victory (1765) gewesen sind («es war kein Kreuzschiff, sondern ein Kriegsschiff», lacht ein Aufseher). Auf einer Hafenrundfahrt fahren wir vorbei an zahlreichen modernen Kriegsschiffen der königlichen Marine. Plötzlich fliegt über unseren Köpfen – relativ tief – ein grosses Flugzeug hinweg, es wird von zwei Abfangjägern und drei weiteren, kleineren Flugzeugen begleitet. Ob es Donald Trump ist? Der US-Präsident wird am heutigen Donnerstag in England erwartet.

Fürs Essen bleibt oft wenig Zeit, weil es so viel zu sehen gibt. So auch hier. Denn am Nachmittag besichtigen wir Nymans Garden. Die ursprünglich offensichtlich prächtige Residenz inmitten des Gartens ist einem Kurzschluss zum Opfer gefallen. Doch die Ruinen verleihen der Anlage eine geheimnisvolle Ausstrahlung. Märchenhaft der Anblick – unmittelbar denkt man an Dornröschen. Das Wetter ist herrlich und wir lustwandeln alle durch die verschlungenen Wege vorbei an seltenen Blumen, Sträuchern, Büschen und Bäumen.

Bevor es wieder heimwärts geht, hat Car-Tours ein weiteres Highlight parat für uns: Das Leeds Castle. In seiner 1000-jährigen Geschichte hat das Schloss als Festung gedient, als Wohnsitz mehrerer Königinnen und als Palast des wohl berühmtesten der englischen Könige: Heinrichs VIII. Bevor es in neuerer Zeit an das Konsortium «Treasure Houses of England» ging, hatte es eine reiche Amerikanerin gekauft. Sie residierte dort wahrlich fürstlich – um nicht zu sagen königlich!

Das Schloss ist umgeben von einem gross angelegten Park, der das ganze Jahr hindurch von rund 15 Gärtnern gepflegt wird. Er ist von einer majestätischen Ruhe und Schönheit, Wasser plätschert vor sich hin, unzählige Wasservögel, Schwäne, Gänse, Enten bevölkern ihn. Was für ein grandioser Abschluss einer spannenden Reise.

Müde sind wir alle bei Ankunft in der Schweiz. Müde, aber auch glücklich über die vielen kleinen und grossen Erlebnisse und dankbar für die unbezahlbaren Erinnerungen, die wir im Herzen nach Hause tragen.

An den Anfang scrollen