Es herrscht die allgemeine Meinung, man müsse Madeira im Frühling besuchen. Das stimmt nicht. Das ganze Jahr blühen Blumen auf Madeira – die ganze Insel ist ein botanischer Garten. Madeira ist Natur pur, eine reiche, vielfältige Insel. Der Name Madeira bedeutet eigentlich Holz, denn das kostbare Lorbeerbaumholz wurde früher für den Schiffbau verwendet, wodurch Portugal im 15. und 16. Jahrhundert zu einer wichtigen Seefahrernation und Weltmacht wurde. Madeira, eine kleine Insel, etwa so gross wie der Kanton Solothurn oder Glarus. Die Inselgruppe besteht jedoch aus 8 Inseln, wovon nur zwei bewohnt sind. Porto Santo, ist die andere bewohnte, und verfügt über Sandstrände, die Madeira weitgehend fehlen. Die Inseln liegen mitten im Atlantik, näher bei Marokko und den Kanarischen Inseln als bei Lissabon.
Am 26. Dezember, gegen Mittag, landen wir in Funchal auf dem Ronaldo Cristiano Flughafen bei strahlend blauem Himmel und 20 Grad Wärme – perfektes Dezemberwetter ! Einige Gäste fragen mich, ob Funchal immer noch ein „gefährlicher“ Flughafen ist? Nein, das ist Vergangenheit – die Landebahn wurde im Jahre 2000 verlängert und heute können praktisch alle Flugzeuge hier problemlos landen. Die Fahrt nach Funchal dauert gerade mal eine halbe Stunde und schon checken wir in unserem schönen Hotel Alto Lido ein und die Ferien beginnen mit den ersten Erkundigungen ums Hotel.

Wir wollen uns gleich davon überzeugen, ob der Name „Die Blumeninsel“ auch im Dezember zutreffend ist. Ja, es blüht vieles. Zum Beispiel der afrikanische Tulpenbaum, die rot blühende Aloe vera, Hibiskus, Strelitzien – das Unkraut und zugleich Symbol Madeiras, der rosa und rote Hortensienbaum, die prächtig orange blühenden Feuerbegonien sowie die auffallend hohen Schwanenhals-Blume, die nur einmal im Leben blühen, und das im Dezember. Nicht zu vergessen die Weihnachtssterne, die hier als Weihnachtsbäume wachsen und die Frauenschuh-Orchideen, die nur von Dezember bis Januar blühen. Zusammen mit den Weihnachtssternen sind sie ein fester Bestandteil der Weihnachtsdekorationen. Man findet sie vor fast jedem Haus, in den unzähligen Weihnachtskrippen wie auch in Tischdekorationen.
Später fahren wir hinunter ins quirlige Stadtzentrum. Die Weihnachtsbeleuchtung ist unglaublich beeindruckend. Strassen und Plätze sind nachts in allen Farben hell erleuchtet, kein Baum wird davor verschont und dazu kommen noch künstliche Weihnachtsbäume in jeder Grösse. Klar, dafür müssen wir abends nochmals zurückkommen und gemütlich durch die Gassen schlendern. Wir begegnen auch einer der zahlreichen Folkloregruppen, die in der Stadt unterwegs sind.
Vom weitläufigen Catarina-Park, vorbei an den Weihnachtshütten, geht es zur Kathedrale und zum berühmten Mercado dos Lavradores, dem Bauernmarkt. Eine Augenweide, die Menge an Früchten und Gemüse wie Cherimoya, Passionsfrüchte, Mangos, Baumtomaten, Kiwis, Avocados und natürlich Bananen, ein wichtiges Exportgut Madeiras, aber auch Süsskartoffeln, Yamswurzeln und vieles mehr. Den Rundgang beenden wir in der Altstadt, heute ein beliebtes Ausgehviertel, voll von urigen Bars und Restaurants. Mit dem Kunstprojekt „The arT of oPEn doORs“ wurden Dutzende Haustüren von zahlreiche Künstlern dekoriert, die heute beliebte Fotomotive sind. Hier befindet sich auch die Seilbahnstationen nach Monte, bekannt für den Tropischen Garten. Einige unserer Blumenliebhaber machen gleich Gebrauch davon, denn der Nachmittag steht zur freien Verfügung.

Die Levadas, die traditionellen Bewässerungskanäle, sorgen für die Verteilung des Wassers. Um das Wasser aus den Bergen zu den landwirtschaftlichen Flächen zu transportieren, entstand ein riesiges Levada-Netz ähnlich unseren Suonen im Wallis. Da die hiesigen Bananen kleiner sind als die südamerikanischen, passen sie nicht in die Bananenverordnung der EU und sind nur in Portugal zu kaufen. Sie sind nicht nur kleiner, sondern auch süsser und intensiver im Geschmack. Bananenmarmelade, Bananenlikör, Bananenbier, Bananenpudding und Madeiras Nationalgericht Degenfisch mit Banane, profitieren davon. Wo wir hinschauen, wächst oder blüht etwas. Weinreben für Madeira Weine, voll behangene Avocadobäume, aber auch Orangen, Mandarinen, Zitronen und weisse Kallas überall. Verschiedene Mikroklimas, die mineralhaltige Erde und der regelmässige Regen tun das ihre dazu. Madeira besteht aus steilen Bergen mit unzähligen Terrassenfeldern, die einst von schwer arbeitenden Sklaven in Handarbeit geschaffen wurden. Dort Landwirtschaft zu betreiben ist bis heute schwere Arbeit, und es ist daher nicht verwunderlich, dass viele dieser Terrassen nicht mehr angebaut werden.
Wir verlassen die Küste in Madalena do Mar und fahren auf das Dach der Insel, auf 1500 m Höhe. Das Paul do Serra Plateau, mit seinen Quellen und Wasserfällen, ist der Wasserspeicher des Eilandes. Auf der Hochebene wechselt das Wetter oft schnell, es kann windig, neblig und regnerisch sein. Es kann sogar schneien, zur Freude der madeirischen Familien, dann werden die Zufahrtsstrassen jedoch gesperrt. Zentralheizung und Winterreifen hat hier niemand. Heute haben wir aber Glück, obwohl Ende Dezember, geniessen wir Temperaturen um die 20 Grad, was der jährlichen Durchschnittstemperatur entspricht.

Von Eira do Serrado, dem Startpunkt vieler Levada-Wanderungen auf 1014 m, erhaschen wir einen Blick ins reizvolle Nonnental. Ein kleines Dorf isoliert zwischen riesigen Berghängen im Herzen der Insel. Einst war das Tal von Nomaden und Hirten bewohnt, später wurde das Land zum Eigentum der Nonnen des Klosters Santa Clara in Funchal. Als französische Seeräuber Funchal plünderten, versteckten sich die Nonnen und das Klostervermögen hier. Seither ist das Tal als Nonnental bekannt. Das Tal war jahrhundertelang nur zu Fuss erreichbar. Der erste befahrbare Weg wurde erst 1959 angelegt, und die Fahrt dorthin war ein kleines Abenteuer. Inzwischen wurde die alte Strasse ersetzt, aber immer noch ist die Zufahrt sehr kurvig und wir sind froh, dass wir keinen entgegenkommenden Bus kreuzen mussten. Das Hauptprodukt der Region sind Kastanien. Kastanienkuchen, Kastanienlikör und Kastaniensuppe und zum Kastanienfest am 1. November kommen die Leute von überall. Auf der Rückfahrt stoppen wir in Monte, das 530 m oberhalb der Stadt Funchal liegt und auch mit der Seilbahn erreichbar ist. Es ist das wichtigste Wallfahrtszentrum Madeiras, weshalb die nachts beleuchtete Kirche weit sichtbar ist. Aufgrund des mild-feuchten Klimas galt es einst als nobler Luftkurort.
Lust auf eine Schlittenfahrt ohne Schnee ? Korbschlitten waren die ersten öffentlichen Verkehrsmittel auf Madeira seit Anfang des 19. Jahrhunderts und dann auch nur talwärts. Heute zählen diese Gefährte zu einer einzigartigen touristischen Attraktion. Man sitzt wie auf einem Sofa mit Kufen, begleitet von zwei weiss gekleidete Männer mit Strohhüten. Wichtiger als ihr Aussehen sind jedoch die Stiefel der Männer bzw. deren dicke Gummisohlen aus Autoreifen. Recht rasant geht es auf den glatten Asphaltstrassen, auch von Autos befahren, bergab. Ein Fuss bleibt auf der Kufe und mit dem anderen wird gelenkt, gebremst oder beschleunigt. Nach diesem Abenteuer kommt uns die Madeira-Wein-Verkostung genau richtig. Madera-Wein ähnlich wie Portwein und Sherry trinkt man trocken und halbtrocken als Apéritif oder süss zum Dessert. Zum süssen Madeira-Wein isst man dann traditionell ein Stück Bolo de Mel – eine Art Lebkuchen.

Hatte ich schon erwähnt, dass es unzählige Levada-Wanderungen jedes Schwierigkeitsgrades gibt. Man kann Stunde um Stunde Wasserkanäle erkunden. Sie gehören zu den Hauptattraktionen der Insel. Viele Touristen fahren mit ihren Mietautos zu den Startpunkten der Wanderungen. Am sichersten ist es jedoch, sich einer organisierten Gruppe anzuschliessen, denn die Wege sind nicht immer 100 % ausgeschildert.
Unterwegs an die Nordküste fahren wir an den steil abfallenden Klippen des Adlerfelsen vorbei und mit etwas Fantasie erkennen wir auch, weshalb der Felsen den Namen trägt. Die farbigen, dreieckigen, strohgedeckten Häuschen in Santana sind heute unter Denkmalschutz und ein beliebtes Fotomotiv. Leider gibt es nur noch wenige, niemand will heute in solch kleinen Häusern wohnen, ausgestattet mit lediglich einem Schlafgemach unter dem Strohdach und einer Wohnstube mit Vorratskammer. Die Wartung der Strohdächer ist heute zu aufwendig und kostspielig. In Porto da Cruz, einer der besten Surf-Spots, erwartet uns eine uralte Zuckerfabrik. Die alten Maschinen, die immer noch mit Holz und Dampf betrieben werden, sind nach wie vor während einigen Wochen im Jahr in Betrieb. Via dem Portela Pass, den vor allem Paraglider gut kennen, fahren wir an Machico vorbei, dem Geburtsort der Insel. Pico do Facho, der letzte Aussichtspunkt des heutigen Tages, erreichen wir über eine sehr abenteuerliche Strasse. Definitiv lohnenswert, einer der besten Orte, um die schroffe Felsküste ganz am östlichen Ende der Insel zu sehen. Heute sehen wir sogar die drei vorgelagerten Ilhas Desertas (verlassene Inseln) und die Schwesterninsel Porto Santo bestens. Was für ein Tag.

Unser Silvestergaladiner beginnt um 18.30 h im sehr schönen Festsaal des Hotels Baia Azul. Ein wunderbares 6-Gang-Menü, gediegen serviert, mit hervorragenden Weinen aus dem Douro Tal, erfreut unsere Gaumen. Dazu spielen abwechslungsweise drei verschiedene Bands und auch ein Tanzensemble fehlt nicht. Um 22.30 h geht die ganze Gesellschaft drei Stockwerke höher auf die grosszügige Terrasse. Auch hier live- Musik, die Leute tanzen und unterhalten sich, mit tollem Blick auf die Kreuzfahrtschiffe, die im Hafen aufs Feuerwerk warten, genauso wie wir. Madeira hat schon mehrmals die Auszeichnung „schönste Ferienziel der Welt“ gewonnen.
Dann ist es so weit. Plötzlich erleuchtet sich der Himmel, Feuerwerk hinter uns, vor uns und an den Hügeln um Funchal. Kurz aber intensiv war das Spektakel und wir begrüssen 2024 mit einem Gläschen Sekt und schlucken die 12 Rosinen, die uns Glück und Erfolg in den kommenden 12 Monaten bringen sollen. Am 2. Januar fliegen wir nach Hause.
Ich bin sicher, alle Mitreisenden stimmen mir zu, es war eine super Idee, den Jahreswechsel auf Madeira zu verbringen – und vielleicht kommt der eine oder andere wieder zurück auf diese Blumeninsel.
Herzlichen Dank allen Mitreisenden.
Veronika Haltinner
Nachwort
Madeira wurde bisher neunmal als bestes Inselziel Europas ausgezeichnet. Madeira zeichnet sich nicht nur durch seine Schönheit, Sauberkeit und Sicherheit aus, sondern auch durch die Freundlichkeit der Madeirenser. Viele leben vom Tourismus, Tourismus ist das Haupteinkommen der Insel, und die Portugiesen sprechen allgemein sehr gut englisch und viele auch deutsch.
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