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Wendy Holdener wartet noch auf den ganz grossen Triumph

Wendy Holdener ist die beste Schweizer Slalomfahrerin der vergangenen zehn Jahre. Die bodenständige Schwyzerin, eine Art Marco Odermatt der Frauen, hat viel gewonnen, für ihr grosses Können aber eigentlich zu wenig. Gut möglich, dass an den Olympischen Spielen in Cortina d’Ampezzo ihre ganz grosse Stunde schlägt.

von Karl Wild

Wendy Holdener ist die beste Schweizer Slalomfahrerin der vergangenen zehn Jahre. Die bodenständige Schwyzerin, eine Art Marco Odermatt der Frauen, hat viel gewonnen, für ihr grosses Können aber eigentlich zu wenig. Gut möglich, dass an den Olympischen Spielen in Cortina d’Ampezzo ihre ganz grosse Stunde schlägt.

von Karl Wild

Als die junge Wendy Holdener an ihren ersten FIS-Rennen regelmässig unter die Top Ten fuhr und im Februar 2010 als 17-Jährige erstmals ein Rennen gewann, fiel sie einem aufmerksamen Beobachter am Pistenrand auf. Karl Frehsner, der als Chefcoach der Schweizer Männer und später der österreichischen Frauen Olympiaund EM-Medaillen gesammelt hatte wie keiner vor und nach ihm, meinte in seiner bekannt trockenen Art: «Das Mädchen dort, das kann wirklich was.» Aus dem Mund des erfolgreichsten Trainers der Weltcupgeschichte kam das schon fast einem Ritterschlag gleich. «Es wird ja langsam auch Zeit, dass bei den Technikerinnen wieder was läuft», fügte er noch hinzu und stürzte sich den Steilhang hinunter. Wie immer ohne Skistöcke. Die hat er nie gebraucht.

«Das Mädchen dort, das kann nun wirklich etwas.»

Frehsner hatte recht. Sowohl mit der Einschätzung des Talents von Wendy Holdener als auch mit seiner ergänzenden Bemerkung zum sportlichen Niveau. Denn vor allem im Slalom lief damals im Schweizer Team der Technikerinnen wenig bis nichts. Die Durststrecke war umso härter, als man sich jahrzehntelang auf aussergewöhnlich talentierte Frauen hatte verlassen können. Ältere Skifans erinnern sich noch an eine gewisse Lise-Marie Morerod. Die erste Schweizer Seriensiegerin gewann 14 Riesenslaloms und 10 Slaloms, ehe sie 1978, als 22-Jährige, bei einem Autounfall schwer verletzt wurde. Mit einem 14-fachen Beckenbruch, gebrochenen Halswirbeln und gefährlichen Kopfverletzungen lag sie drei Wochen im Koma. Nach sechs Monaten im Spital versuchte sie es noch einmal im Weltcup, doch es kam nichts mehr.

Die 80er-Jahre waren die grosse Zeit von Erika Hess. Die sechsfache Weltmeisterin gewann neben sechs Riesenslaloms 21 Slaloms, holte 1987 an der WM in Crans-Montana noch zwei Goldmedaillen und trat dann zurück. Es folgte ein nahtloser Übergang zu Vreni Schneider, die beim Hess-Abschied in Crans gerade ihr erstes WM-Gold herausgefahren hatte. Mit ihren 20 Riesenslalomund 34 Slalomsiegen ist die Glarnerin die erfolgreichste Schweizer Weltcupfahrerin überhaupt und wurde zur Schneesportlerin des Jahrhunderts gekürt; bei den Männern fiel diese Wahl auf Pirmin Zurbriggen.

Erstes Weltcuprennen in Sölden im Oktober 2010.

 

Grosse Leere nach Erika Hess und Vreni Schneider.

Als Schneider 1995 zurücktrat und im heimischen Elm ihre Skischule gründete, begannen im Slalom die erwähnten mageren Jahre. Karin Roten (1998) und Marlies Oester (2002) schafften es zwar je einmal zuoberst aufs Podest, blieben aber ebenso Eintagsfliegen wie Michelle Gisin, die im Dezember 2020 nach fast 19 Jahren Erfolglosigkeit als erste Schweizerin wieder einen Slalom gewann. Der Zeitpunkt für die Geburt eines neuen Stars war folglich günstig wie kaum je zuvor. Und der neue Stern am Slalomhimmel sollte Wendy Holdener heissen.

Der Aufstieg der zielstrebigen jungen Athletin, die sich an der Sportmittelschule Engelberg zur Hotelfachangestellten ausbilden liess, verlief nicht unbedingt kometenhaft, aber kontinuierlich. Nachdem sie 2010 ihr erstes FIS-Rennnen gewonnen hatte, fuhr sie bei den Junioren-Weltmeisterschaften im selben Jahr auf Platz fünf in der Abfahrt und war am Ende jenes Winters Beste des Jahrgangs 1993 in drei Disziplinen. Es folgte das Debüt im Weltcup im Oktober 2010 in Sölden, einen Monat später gewann sie als 18. des Slaloms in Aspen ihre ersten Weltcuppunkte. An den Junioren-Weltmeisterschaften 2011 holte sie Gold, Silber und Bronze und wurde von der Schweizer Sporthilfe als Nachwuchsathletin des Jahres ausgezeichnet. Die Hoffnungen in die junge Schwyzerin stiegen und stiegen, doch so einfach war es auch wieder nicht, Enttäuschungen blieben nicht aus.

Wendy als strahlende Siegerin und volksnahe Sympathieträgerin.
 
2013 aber fuhr sie als Zweite des Slaloms in Ofterschwang im Oberallgäu erstmals aufs Weltcuppodest. 2016 feierte sie im Parallelslalom von Stockholm ihren ersten Weltcupsieg, ein Jahr später holte sie an der WM in St. Moritz überraschend Gold in der Kombination und Silber im Slalom. Damit wurde sie zur grossen Figur der Heim-WM, und ihr Heimatort Unteriberg stand Kopf. Das ganze Dorf war auf den Beinen und feierte seine Super-Wendy nach der Heimkehr. Die Schulkinder hatten frei erhalten, um am Empfang, der vom Fanclub der Weltmeisterin organisiert wurde, teilnehmen zu können. Wendy eroberte die Herzen aller im Flug, weil sie bescheiden und bodenständig blieb. Woran sich bis heute nichts geändert hat. Als volksnahe Sympathieträgerin ist sie zu einer Art Marco Odermatt der Frauen geworden.
 
Das Erstaunliche bei all ihren Medaillen an Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften: Gold hat sie in ihrer heutigen Spezialdisziplin, dem Slalom, noch nie gewonnen. Auch im vergangenen Winter an den Weltmeisterschaften in Saalbach blieb ihr «nur» Silber. Zuoberst auf dem Treppchen stand ihre Teamkollegin Camille Rast. Und erst recht erstaunlich ist, dass sie in ihrer langen Weltcup-Laufbahn nur zwei Slaloms gewonnen hat. Mehr als 50 Mal stand sie als Zweite oder Dritte auf dem Podest, unzählige Male musste sie sich mit dem vierten Platz begnügen. Auch in den drei ersten Slaloms dieses Winters belegte sie zweimal diesen undankbaren Rang.
 
Sowas bringt Experten, und nicht nur selbst ernannte, bisweilen ins Grübeln. Es wird gar die Frage aufgeworfen, ob ihr vielleicht das berühmte Sieger-Gen fehle, das eine Erika Hess oder Vreni Schneider ausgezeichnet hatte. Didier Plachy, selbst zweifacher Gewinner von Weltcup-Slaloms und heutiger Experte am Schweizer Fernsehen, äusserte sich zu Holdeners beiden vierten Rängen (und einem achten Platz) nach den ersten drei Dezemberslaloms wenig gentlemanlike. Wendy laufe zu Beginn einer Saison nicht wie ein junges Kalb auf die Matte beziehungsweise auf die Piste, sondern eher wie eine alte Kuh, befand er. Oder, netter ausgedrückt, sie sei verkrampft. Später erfuhr Plachy, dass die von ihm Kritisierte vor dem Rennen in Levi einen Schlag aufs Knie erhalten hatte und entsprechend handicapiert war. Er entschuldigte sich für sein hartes Urteil und warf dem Verband mangelnde Kommunikation betreffend die Verletzungen von Sportlerinnen vor. Das übliche Techtelmechtel halt. Nichts Neues.
Gemeinsam zum Erfolg: Wendy mit ihrem verstorbenen Bruder und Manager Kevin.

 

Des Bruders Tod macht ihr noch immer zu schaffen.

Wendy nahm es gelassen. Nach 16 Jahren im Weltcup hat man gelernt, auch mit sowas zu leben. Was ihr noch immer zu schaffen macht, ist der Tod ihres Bruders und Managers Kevin. Er starb vor zwei Jahren an Krebs. Mit 34 Jahren. «Ja, er fehlt», sagt Wendy heute möglichst kurz. Ihre Beziehung war eng und wurde in einem rührenden Dok-Film von SRF eindrücklich festgehalten. Was Geschwister verbindet, besagt auch eine kleine Anekdote, die Wendy über Kevin erzählt. Als sie geboren worden sei, habe ihr drei Jahre älterer Bruder begonnen zu reden. Da habe die Mutter zu ihm gesagt: «Jetzt musst du mit mir reden können, sonst funktioniert das hier nicht.» Kevin hörte auf seine Mutter. Heute sind die Erinnerungen an den Bruder nicht nur traurig. Manchmal spricht sie mit Leuten, die ihn auch gekannt hatten, über das, was diese mit ihm erlebt haben. «Es sind coole Geschichten, die mich lächeln lassen.»

Der Traum vom Slalom-Gold an den Spielen.

Wenn sich ihr Leben nicht gerade ums Skifahren und Trainieren dreht, verbringt Wendy möglichst viel Zeit mit den Menschen, die ihr nahestehen. Und im Sommer lockt sie das Meer. Sinn des Lebens sei es, die Zeit so zu nutzen, dass man mit möglichst viel Zufriedenheit und innerer Ruhe durch sein Leben gehen kann, verriet sie der «Weltwoche». Dass sie diese Zufriedenheit und innere Ruhe dereinst in Unteriberg finden wird, zeichnet sich ab. In ihrem Heimatort hat sie zwei Mehrfamilienhäuser gebaut. Ihre Wohnung ist offen, hat eine grosse Terrasse und einen Kraftraum mit Sauna.

Auch eine Familie möchte sie einmal haben. «Und die Heirat ist für mich ein gegenseitiges Versprechen, dass man das ganze Leben mit dieser Person verbringen will», sagte sie der «Weltwoche». Das findet sie toll und glaubt auch, dass das Eheversprechen enger zusammenschweisst. Doch bei den Stichworten Heirat und Familie räumt sie stets ein: «Irgendwann.» Denn vom Karriereende hat man die 32-Jährige noch kaum reden gehört. Zu viele sportliche Ziele hat sie noch. Für ihr Umfeld ist völlig klar: Sie will Rennen gewinnen, vor allem Slaloms. Und ihre Trainer sind überzeugt, dass sie das noch schafft. Weil so oft so wenig zum Sieg gefehlt hat.

Ihr ganz grosses Ziel sind die Olympischen Spiele im Februar in Cortina d’Ampezzo, die wohl die letzten Spiele ihrer Karriere sein werden. Slalomgold – das wäre die ultimative Krönung. Silber nähme sie wohl auch, aber das hat sie schon vor acht Jahren gewonnen.

WENDY HOLDENERS ERFOLGE

Olympische Spiele
2022 Silbermedaille Alpine Kombination
2022 Bronzemedaille Slalom
2018 Olympiasiegerin Team Event
2018 Silbermedaille Slalom
2018 Bronzemedaille Alpine Kombination

Weltmeisterschaften
2025 Silbermedaille Slalom
2025 Silbermedaille Team Event
2025 Silbermedaille Team Kombination
2023 Silbermedaille Alpine Kombination
2023 Silbermedaille Parallel
2019 Weltmeisterin Alpine Kombination
2019 Weltmeisterin Team Event
2017 Silbermedaille Slalom
2017 Weltmeisterin Alpine Kombination

Weltcup
2018 Zweite im Gesamtweltcup
2019 Dritte im Gesamtweltcup
2018 Kristallkugel Alpine Kombination
2016 Kristallkugel Alpine Kombination Sieben Weltcupsiege
54 Weltcup-Podestplätze

Schweizer Meisterschaften
Elf Meistertitel (sechs Slalom, drei Alpine Kombination, zwei Riesenslalom)

Andere Erfolge
2017 Schweizer Sportlerin des Jahres

 

DER WENDY HOLDENER FANCLUB

Der Wendy Holdener Fanclub hat sich dank seinen Trycheln und originellen Verkleidungen auch international einen Namen gemacht. Er versteht sich als Wendys Motivationsteam, unterstützt sie während der Rennen lautstark und steht ihr auch bei Niederlagen bei. Der Fanclub wuchs kontinuierlich von anfangs dreissig auf heute über achthundert Mitglieder und musste schon bald professionell mit einem fünfköpfigen Vorstand organisiert werden. Grosser Beliebtheit erfreut sich das traditionelle Grillfest mit Wendy, an dem heute alljährlich mehrere hundert Skibegeisterte ihre Heldin feiern.

Ihr Hauptsponsor
Emmi Caffè Latte: Milchproduzent, mit Logo auf Helm, Mütze und Cap

Die Ausrüster
Head: Ski, Bindungen, Schuhe, Helme und Brillen
Leki: Stöcke und Schoner
Reusch: Handschuhe
Descente: Winterbekleidung
On: Bekleidung, Schuhe
X-Bionic: Unterwäsche

Drittsponsor
Electrolux: Haushaltsgerätehersteller, seit 2008 Partner

Weitere Partner
Sherpa Tensing: Sonnenschutz
Riposa: Schlaf und Regeneration
Hoch-Ybrig: Skigebiet
Nutriathletic: Sportnahrungsmittelhersteller, Wendy ist als Aktionärin und Partnerin Teil des Unternehmens
Suva: Unfallprävention
Seeberger: Snacks
pro aurum: Edelmetalle, Münzen, Barren
Krebsliga des Kantons Zürich: Zusammenarbeit

 

 

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