Die Hotellerie steht unter einem nie dagewesenen Druck. KI-Algorithmen sortieren schonungslos nach Preisen und Bewertungen und übernehmen für den Gast die Auswahl und Reservation von Hotels. Auf Buchungsportalen werden die Häuser nach Punkten und Sternen klassiert, Tripadvisor und Holidaycheck stellen weltweit pro Minute Dutzende von Bewertungen ins Netz; dort wird dann nach Lust und Laune gelobt und gemeckert. Nicht selten versuchen Gäste auch, ein Hotel zu erpressen, indem sie mit einem schlechten Eintrag drohen. Ernst Scherz, Besitzer des weltberühmten «Gstaad Palace», hat in der ReiseLust (Nr. 5/25) eindrücklich und stellvertretend für viele seiner Kollegen geschildert, wie das in seinem Traumpalast im Berner Oberland so läuft.
Der Imageschaden, den ein negativer Eintrag bringt, bleibt oft über Jahre hängen. Auch wenn er vor Unwahrheiten strotzt oder von einem neidischen Konkurrenten verfasst wurde. Hoteliers bleibt gar nichts anderes übrig, als Bewertungsportale ernst zu nehmen und den Schaden so gut wie möglich zu begrenzen. Dieses hektische Spannungsfeld hat den Hotelier Zeev Rosenberg auf die Idee gebracht, Gäste ebenfalls zu bewerten. Nun ist Rosenberg nicht irgend ein Hotelier, sondern General Manager des Berliner Luxushotels «Das Stue», das zum Branchenriesen Accor mit gegen 6000 Häusern in über 100 Ländern gehört. Rosenbergs Beitrag auf dem beruflichen Netzwerk Linkedin fand ein weit überdurchschnittliches Echo, wurde namentlich von Berufskollegen überraschend positiv aufgenommen und führte zu einer emotional aufgeladenen Debatte.
Die von Rosenberg geschickt formulierte Frage, weshalb Gäste Hotels beurteilen dürfen, während das umgekehrt nicht möglich sein soll, klingt nach Gerechtigkeit und Fairness. Der Hotelier weist auch darauf hin, dass es diese Transparenz, den Ausgleich der Machtverhältnisse, bei Uber oder Airbnb schon lange und ohne Probleme gibt. Die strukturelle Ungleichheit, mit der Hotelmitarbeiter konfrontiert sind, sei ein Problem, sagt Rosenberg. Bewertungen können ein ganzes Team belasten. Gegenseitigkeit sei daher nicht Ausdruck von Kontrolle, sondern auch von Schutz. Irgendwann scheint Rosenberg bei der Sache dann aber doch nicht ganz wohl zu sein. Er verstehe das alles nicht als Provokation, sondern als Impuls, schränkt er ein.
Wie auch immer: Rosenbergs Überlegungen liegen gleich mehrere Fehlüberlegungen zugrunde. Hotels sind Orte der Begegnung. Sie zeichnen sich aus durch Grosszügigkeit, Gastfreundschaft und Lebensfreude, nicht durch offene oder verdeckte Kontrolle. Das gilt für Häuser sämtlicher Sternekategorien. Auch der Vergleich mit Uber oder Airbnb hinkt. Dort geht es um eine reine Geschäftsabwicklung. War das Inserat okay, der Fahrer freundlich? Danach ist Schluss mit der Verantwortung. Hotel und Gast hingegen gehen für eine bestimmte Zeit eine Beziehung ein. Der Gast soll sich im Hotel besser fühlen als zu Hause, wie César Ritz es sinngemäss ausdrückte. Man sollte ihn begeistern, nicht bewerten.
Natürlich gibt es auch Grenzüberschreitungen. Die rote Linie wird am häufigsten dann geknackt, wenn es am nötigen Respekt fehlt, wenn Mitarbeiter schikaniert werden. Ich kenne indes keinen einzigen Hotelier, der das durchgehen lässt. Egal, ob der Gast in der Präsidentensuite oder in einem Budgetzimmer logiert: Es wird ihm klar gemacht, dass er im Wiederholungsfall das Haus zu verlassen hat. Und zwar sofort. Das wirkt immer. Der Schutz der Mitarbeiter entsteht nicht, indem gewisse Gäste öffentlich an den Pranger gestellt werden. Es genügt, dass der Hotelier sich vor sein Team stellt.
Bleibt noch die Frage, wer den Gast überhaupt bewerten soll. Ist es der Hotelier, der ihn kaum gesehen hat? Ist es die Rezeptionistin, die ihn beim Einchecken als gestresst und unfreundlich kennengelernt hat? Ist es der Koch, bei dem er, vielleicht zu Recht, reklamiert hat? Ist es das Zimmermädchen, das sich über seinen Hang zum Chaotentum geärgert hat? Oder setzt man gar eine Jury ein?
Hotels verkaufen nicht bloss Zimmer, sie verkaufen auch Vertrauen und Privacy. Nicht jeder Gast möchte, dass alle Welt weiss, wo er gerade abgestiegen ist. Dass er nach dem Begleichen der vielleicht saftigen Rechnung auch noch bewertet werden soll, ist – eine Schnapsidee.
Karl Wild