VON KARL WILD
Seit der eher blamablen Nicht-Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2002 in Südkorea und Japan hat die Schweizer Nationalmannschaft, liebevoll Nati genannt, nichts mehr anbrennen lassen. Zum sechsten Mal in Folge nimmt sie in diesem Sommer am grössten Sportanlass der Welt teil. Zum dritten Mal (die EM 2024 mitgezählt) wird sie von Murat Yakin an eines der Top-Turniere geführt. Die Qualifikation hatte das Team ohne Niederlage als souveräner Gruppensieger abgeschlossen. Ungeschlagen blieb man übers ganze Jahr 2025, was es seit 1945 nicht mehr gegeben hat. Die Frage nach seinem Anteil an diesem Erfolg wischt Yakin weg: «Das zu beantworten überlasse ich gerne anderen.»
Mit den «anderen» waren unterschwellig wohl auch diejenigen gemeint, die an ihm zweifelten, die ihn bald einmal für die falsche Wahl als Nachfolger von Vladimir Petkovic hielten. Damals, im August vor fünf Jahren, war Yakin einer von drei übrig gebliebenen Kandidaten neben René Weiler und Bernard Challandes. Die ganz grossen Namen standen nicht zur Verfügung. Lucien Favre, Urs Fischer, Arsène Wenger und Joachim Löw hatten abgesagt. Auch aus einem zeitlich befristeten Comeback von Ottmar Hitzfeld wurde nichts. So einigte man sich schliesslich auf Yakin. Einen Mann, der eine ganze Reihe von Klubs trainiert hatte, zuletzt den bescheidenen FC Schaffhausen in der zweithöchsten Liga. Die Wahl sei «eine Bombe», befand der «Blick», der vom Entscheid überrascht wurde wie viele andere auch.
Die Anfangsjahre zwischen Glanz und viel Elend.
Was folgte, waren Nati-Jahre zwischen Glanz und Elend, durchzogen von Unruhen, Ungewissheiten, heftiger Kritik und letztlich einem grossen Sieger – Murat Yakin. Die schwierige Zeit begann nach der 1:6-Schlappe gegen Portugal im Achtelfinal der WM 2022 in Katar. Die darauf folgende Qualifikation für die EM 2024 gelang gegen recht mittelmässige Gegner nur mit Ach und Krach. Und jetzt schlugen die, die es schon immer gewusst hatten, erbarmungslos zu. «Mit Murat Yakin kann es keine Zukunft mehr geben», schrieben die Tamedia-Zeitungen vor rund zwei Jahren. Oder: «Yakin hat zum Ende dieser Qualifikation sein Ablaufdatum erreicht.» Und, kurz und bündig: «Er ist verbraucht.» Der frühere Nationalspieler Stéphane Henchoz wusste auch gleich, wie das Problem per sofort zu lösen sei: «Erfolgstrainer Lucien Favre bringt alles mit und ist verfügbar», meinte er. Zu allem Überfluss schürte Starspieler Granit Xhaka das Feuer noch zusätzlich, als er die Qualität des Trainings unter Yakin bemängelte.
Aus Kritikern wurden plötzlich Schulterklopfer.
Und dann das: An der Europameisterschaft 2024 in Deutschland erreichte die Schweiz mit begeisterndem Fussball die Viertelfinals, wo sie sich, mit dem Halbfinal vor Augen, England erst im Elfmeterschiessen geschlagen geben musste. Jetzt war Yakin auch für jene, die ihn eben noch ins Pfefferland gewünscht hatten, plötzlich der Mann der grossen Spiele. Ein schlauer Fuchs und Taktiker, der sein Team regelmässig hervorragend auf den Gegner einzustellen verstand. Mit der souveränen Qualifikation für die diesjährige Weltmeisterschaft unterstrich der Nati-Trainer diese Einschätzung zuletzt gleich mehrfach. Und wie das so ist im Sport, im Fussball noch weit ausgeprägter als anderswo, verwandelten sich die Kritiker und Neider angesichts der Erfolge fast übergangslos in freudig erregte Schulterklopfer. Etwas anderes blieb ihnen auch gar nicht übrig. Yakin habe seine Ausstrahlung zurückgewonnen, hiess es jetzt. Seine positive Entwicklung sei bemerkenswert. Wenn es darauf ankomme, sei er am besten. Und so weiter.
Nun ist es nicht neu, dass Yakin polarisiert, dass sich die Geister an ihm scheiden. Das begann schon in frühen Jahren bei seinem Stammverein Concordia Basel und zog sich über seine ganze Spielerlaufbahn hin. Als cooler Gambler wurde er oft charakterisiert. Als charmanter Rosinenpicker, dem dank seinem Talent so gut wie alles in den Schoss falle. Und bequem, wenn nicht gar faul, sei er obendrein. Zu Letzterem eine kleine Episode: Das Schweizer Fernsehen zeigte unlängst einen Ausschnitt aus Yakins Zeit beim VfB Stuttgart. Damals, vor fast dreissig Jahren, wurde ihm von den Deutschen vorgeworfen, er sei trainingsfaul. «Das streite ich gar nicht ab», sagte Yakin ins Mikrofon. «Ein bisschen Faulheit gehört zu meinem Naturell.» Konfrontiert mit der Aussage aus längst vergangenen Zeiten meinte er schmunzelnd zu den SRF-Reportern, so etwas würde er heute natürlich nicht durchgehen lassen. «Zum Glück bin ich Trainer geworden und reifer. Jeder macht halt so seine Entwicklung durch.»
Die legendäre Rolle der Mama beim ersten Vertragspoker.
Zu Beginn der 90er-Jahre galt Murat Yakin als eines der grössten Talente im Schweizer Fussball. Erich Vogel, damals Sportchef der Grasshoppers, setzte alles daran, den jungen Ausnahmekönner nach Zürich zu locken. Mutter Emine Yakin freilich konnte sich überhaupt nicht mit dem Gedanken anfreunden, ihren Jungen in die Fremde zu entlassen. Ihre Rolle beim Verhandlungspoker im Hardturmstadion ist legendär. Wenn ihr Sohn schon nach Zürich ziehen müsse, wolle sie wenigstens sofort das versprochene Handgeld sehen, machte die resolute Mama den beiden GC-Bossen und Mäzen Heinz Spross klar. Die drei zückten sofort ihre Brieftaschen. Die 5000 Franken, die so zusammenkamen, wurden von Emine umgehend eingesackt. Die zweite Tranche kam später nach. Der knapp 18-jährige Murat fuhr nun ein halbes Jahr lang mit dem Auto von Basel nach Zürich und wieder zurück. Ohne Führerschein. Einmal wöchentlich fuhr die Mutter mit. «Sie hat jeweils gebetet», erinnert er sich.
Emine Yakin verstarb im November 2023 mit 89 Jahren. Sie war die prägende, schillernde Figur hinter den Karrieren von Murat und seinem Bruder Hakan, der es gar auf 87 Länderspiele brachte. Als die türkische Familie 1974 in die Schweiz einwanderte, hatte Emine bereits sechs Kinder aus erster Ehe. Nach der Trennung vom zweiten Ehemann, dem Vater von Murat und Hakan, war sie vorübergehend auf Sozialhilfe angewiesen. Weil sie noch kaum Deutsch sprach, verhandelte der 13-jährige Murat mit den Behörden und wurde für den drei Jahre jüngeren Hakan zum Ersatzvater. Das alles hat ihn fraglos geprägt und gab ihm eine Menge Gelassenheit und Selbstvertrauen. Aus der Ruhe bringen könne ihn heute so gut wie nichts, sagen seine Freunde wie auch einstige Mitspieler einhellig. Fertig lustig sei bei ihm nur bei menschlichen Enttäuschungen. Die gäben ihm umso mehr zu schaffen.
<<Wir wollen die beste WM der Geschichte spielen.>>
In seinen ersten Profijahren bei den Grass-hoppers wurde Yakin rasch zu einem Leistungsträger in einer überaus erfolgreichen Mannschaft – und legte sich gleich auch erstmals und öffentlichkeitswirksam mit einer Autorität an. Christian Gross, einer der grössten Trainer der Schweizer Fussballgeschichte, kritisierte seinen Jungstar einmal, er strenge sich zu wenig an. Dass dieser den Spiess umdrehte und den Trainer attackierte, wurde zum Skandal emporstilisiert. «Ich bin mir bewusst, dass ich meinem Trainer gegenüber kritisch bin», sagte Yakin ganz emotionslos. «Aber wenn er mich kritisiert, darf ich ihn auch kritisieren.»
Um die Wellen zu glätten, brummte GC dem jungen Spieler, der in den Zeitungen auch mal als Abwehrchef im Lehnstuhl bezeichnet wurde, 5000 Franken Busse auf. Er hat sie nie bezahlt. GC-Legende Erich Vogel, der Yakin gern als seinen Ziehsohn bezeichnete, meinte später zum Thema: «Murat war nie der Schnellste und auch kein Trainingsverrückter, dafür war er schon als Spieler ein Taktikfuchs. Indem er als Abwehrchef lange Bälle schlug, war er seiner Zeit voraus. Und er war schon immer einer, der das Spiel sehr gut lesen konnte.»
Während seiner Karriere hat sich Yakin immer wieder mit echten oder vermeintlichen Kapazitäten angelegt. Vielleicht hat er, allen Erfolgen als Spieler zum Trotz, sein enormes fussballerisches Talent auch deshalb nicht voll ausgeschöpft. Seine Engagements im Ausland waren keine wirklichen Erfolgsgeschichten. Sie waren geprägt von Verletzungen, aber auch von Differenzen mit Klubverantwortlichen und Trainern, bisweilen auch mit Mitspielern. Doch das hat ihn stark gemacht.
Heute weiss er auch mit kantigen Persönlichkeiten umzugehen, mit denen er das Heu nicht auf der gleichen Bühne hat. Wie Yakin etwa die Unstimmigkeiten mit Xhaka, einem ebenso eigenwilligen Charakter wie er selbst, aus dem Weg räumte, war beispielhaft. Heute sagt der Mittelfeldstar, es sei ein Privileg, Murat als Trainer zu haben. Er lerne jeden Tag von ihm, sowohl taktisch wie defensiv. Auch zu Torjäger Breel Embolo, der zwischenzeitlich neben dem Platz für unschöne Schlagzeilen gesorgt hatte, hat der Trainer einen ausgesprochen guten Draht. Es kommt nicht von ungefähr, dass die stärksten und wichtigsten Spieler sich in der Nationalmannschaft regelmässig von ihrer allerbesten Seite zeigen. Und dass die andern dann über sich hinauswachsen. So erstaunt es eigentlich nicht und wirkt auch nicht abgehoben, wenn Yakin ganz cool bemerkt: «Wir wollen die beste Weltmeisterschaft der Geschichte spielen.»
MURAT YAKINS STATIONEN
Als Spieler
1982 bis 1992: Concordia Basel
1992 bis 1997: Grasshoppers Zürich
1997 bis 1998: VfB Stuttgart
1998 bis 1999: Fenerbahçe Istanbul
2000: FC Basel
2000 bis 2001: 1. FC Kaiserslautern
2001 bis 2006: FC Basel
Fünffacher Schweizer Meister
2002 Schweizer Fussballer des Jahres Nationalmannschaft
1994 bis 2004: 49 Spiele
Als Trainer
2006 bis 2007:Concordia Basel
2007 bis 2009: Grasshoppers Zürich
2009 bis 2011: FC Thun
2011 bis 2012: FC Luzern
2012 bis 2014: FC Basel (zweimal Meister)
2014 bis 2015: Spartak Moskau
2016 bis 2017: FC Schaffhausen
2017 bis 2018: Grasshoppers Zürich
2018 bis 2019: FC Sion
2019 bis 2021: FC Schaffhausen
Seit 2021: Nationalmannschaft
ANDY EGLI IST WM-OPTIMIST
Der 80-fache Nationalspieler Andy Egli ist eine Schweizer Fussballlegende. Mit den Zürcher Grasshoppers und Servette Genf wurde er fünfmal Meister und gewann viermal den Cup. Er spielte auch für Borussia Dortmund und Neuchâtel Xamax und stand 1994 im Schweizer Aufgebot für die WM in den USA. 2015 gewann er den Kampf gegen den Krebs. Heute ist er Fussballexperte bei SRF und gefragter Referent bei Firmen. In Bern, wo er seit vielen Jahren lebt, leitet der 68-Jährige die Schweizer Niederlassung der deutschen Firma Sports Transfer International, einer Anlaufstelle für Spieler, Trainer, Vereine und Verbände, wenn es um Transfers und Beratung geht. Wir haben Andy Egli ein paar Fragen gestellt.
Was halten Sie von Murat Yakin?
Andi Egli: Ich kenne ihn gut, wir standen ja 1994 in den USA noch zusammen im Nationalkader und sind heute beide beim Verein Suisse Legends. Er ist eine gute Lösung für das Team.
Gibt es einen nicht berücksichtigten Spieler, den Sie gern im Kader gesehen hätten?
Nein, Murat hat die Besten aufgeboten, die Zusammensetzung stimmt. Fast alle haben Auslandserfahrung, das ich wichtig.
Die Stärken des Teams?
Es wirkt jetzt geschlossen, gefestigt. Die erfolgreiche Qualifikation hat Mut, Moral und Selbstvertrauen gegeben.
Und die Schwächen?
Ganz vorn gibt’s gewisse Defizite. Breel Embolo ist der einzige Stürmer mit überdurchschnittlichen Qualitäten, der einzige wirkliche Goalgetter. Das könnte zum Problem werden, wenn’s hart auf hart geht.
Wie weit wird die Schweiz kommen?
Ganz schwer zu schlagen sind nur Spanien, Frankreich und England. Die Viertelfinals sollten für uns drin liegen, vielleicht sogar die Halbfinals.
Werden Sie auch an die WM reisen?
Beim Endspiel 2006 in Berlin sassen wir in Reihe vier auf der Höhe der Cornerfahne. Das Ticket kostete tausend Franken. Seither ist Schluss.