Von süssen Zwiebeln und tektonischen Kräften: Kalabriens faszinierender Süden
Dann fahren wir nach Zungri, ein kleines Dorf, in der sich eine antike Höhlenstadt erhalten hat. Die Stadt stammt aus byzantinischer Zeit und die Höhlen dienten als Behausung der dort lebenden Menschen bis ins 14. Jahrhundert. Bauern aus der Umgebung nutzten die Grottenwohnungen später als Stallungen für ihre Tiere. Über 100 Häuser, Ölmühlen und sakrale Räume aus Sandstein sind erhalten. Diese zu besichtigen muss man sich aber mit einem steilen Abstieg verdienen. In dem kleinen Museum für Felsen- und Bauernkultur bekommen wir einen Einblick, wie die Menschen gelebt haben; von Lebensmitteln, handwerklichen Geräten zum Schmieden und Weben bis zu Hochzeitskleidern und zum Kindsbett.
Das Souvenirgeschäft im Dorf möchte auch noch etwas verdienen und wir dürfen dort nochmals kalabresische Spezialitäten kosten. Oliven, Olivenöl, Gewürze, Kräuterbitter, Marmeladen aus Orangen und Zitronen aber auch Marmelade aus Peperoncini, Marmelade aus den bekannten süssen Zwiebeln und vieles mehr. Sie haben richtig gehört, Zwiebelmarmelade wie ein Chutney zu Käse, für Sandwiches oder Grillparties.
Die roten Zwiebeln von Tropea sind eine weitere Spezialität der Region. Sie sind nur aussen rot, süss, verursachen keine Tränen und man kann nach dessen Genuss ruhig in den Ausgang gehen ohne dass die Leute wegrennen. Der Koffer füllt sich langsam und wir verbringen den Nachmittag auf einer der Liegen am Strand des Hotels.
Ein neuer Tag: heute fahren wir nach Süden nach Scilla und Reggio Calabria, ans Ende Italiens ! Auf dem ersten Teil der Strecke führt eine Panoramastrasse dem Meer entlang. Kalabrien wird von zwei Meeren umschlossen - dem Tyrrhenischen im Westen und dem Ionischen im Osten - die sich in Wassertemperatur, Salzgehalt und Wasserdichte unterscheiden. Jede Küste hat ihren eigenen Charakter. Die Tyrrhenische Küste ist schmal, schmäler als die ionische - dahinter kommen gleich die Berge mit malerischen Dörfern an den Hängen. Bergdörfer, die wie ausgestorben wirken - die Jungen sind an der Küste, die Alten bleiben in den Dörfern. Sie waren Landwirte und Hirten, die der Schafzucht nachgingen oder ihren Unterhalt mit der Kultivierung von Oliven sicherten.
Annähernd 800 Kilometer Küste alleine in Kalabrien, daher verwundert es nicht, dass Kalabrien in erster Linie eine Badedestination ist. Das tolle ist, dass es eine grosse Auswahl an langen Sandstränden wie auch kleinen Buchten gibt. Sand- und Kieselstrände wechseln sich ab. Manche Stände sind sehr idyllisch in der Natur gelegen und andere sind mit Strandbars und Liegen, sog. Lidos, ausgestattet.
Auf der Fahrt nach Süden sehen wir, wie schon am ersten Tag vom Cap Vaticano aus, dank des guten Wetters, gleich drei aktive Vulkane. Den Stromboli, daueraktiv und einer der aktivsten Vulkane der Erde. Er gehört zu den Liparischen Inseln wie auch der Vulcano, von dem das heutige Wort Vulkan abgeleitet wird. Den Ätna auf Sizilien, nicht nur der aktivste sondern auch der höchste Vulkan Europas, erkennt man zu dieser Jahreszeit am Schneemantel.
Claudia erzählt uns heute so einiges über die Geschichte Kalabriens; warum sich Süd- und Norditalien vereinigt haben, warum es heute fast keine Industrie in Kalabrien mehr gibt und die Leute vorwiegend von der Landwirtschaft leben, was dieser Region den Ruf Armenhaus Italiens eingebracht hat, und was die jahrzehntelange Auswanderung verursacht hat. Währenddessen fahren wir durch eine der drei grossen Ebenen Kalabriens, der Ebene von Goia Tauro, zwischen Meer und dem Aspromonte Gebirge, dem Skigebiet Kalabriens. Hier befindet sich einer der grössten Containerhafen Italiens, bekannt ist die fruchtbare Küstenebene jedoch für intensiven Oliven- und Zitrusanbau. Kalabrien ist der 4. grösste Produzent von Oliven nach Sizilien, Apulien und der Toscana. Es werden grosse Mengen an Orangen, Mandarinen, Clementinen und Grapefruits und auch Kiwis angebaut. Grüne, gelbe und rote Kiwis, letztere sind die exklusivsten aber auch die empfindlichsten im Anbau. Geerntet wird im November von Hand. Junge Leute hier möchten lieber eine Kiwi-Plantage besitzen als Bankdirektor werden, erklärt uns Claudia. Dass die Kiwis sehr gut schmecken, haben wir im Hotel schon bemerkt, wo wir jeden Tag dicke Kiwis auf dem Büffet vorfinden.
In Scilla an der Costa Viola angekommen, besuchen wir zuerst die Burg der Familie Ruffo, die zusammen mit der kleinen Kirche Sant’Espirito das Ortsbild dominiert.
Der Ort der Verteidigung, liegt kurz vor der Meeresenge von Messina, wo uns lediglich drei Kilometer von Sizilien trennen. Scilla war also der ideale Ort, um das kalabrische Land von denen zu schützen, die vom Meer herkamen. Später bummeln wir durch die idyllischen engen Gässchen des Fischerviertel Chianalea, das sich unterhalb der Burg an den Felsen schmiegt. Zum Mittagessen gibt es am Strand fangfrischen Schwertfisch, eine Spezialität Kalabriens, die mit speziellen Booten, sog. „Feluken“ mit 27 m hohem Mast, seit über 2000 Jahren gefangen werden.
Die Meeresstraße ist 32 Kilometer lang, zwischen drei und acht Kilometer breit und maximal 250 m tief. In der Straße von Messina treffen das Thyrrenische und das Ionische Meere aufeinander. Aufgrund unterschiedlicher Gezeiten (Ebbe und Flut) und Salzgehalte entstehen dort starke Strömungen, bei denen das leichtere tyrrhenische Wasser über das schwerere ionische Wasser fließt. Immer wieder hört man in den Medien dass hier, an der engsten Stelle, eine Hängebrücke gebaut werden solle. Selbst wenn es wohl keine Meeresungeheuer gibt, weiss man, dass die Strasse von Messina eine der tektonisch aktivsten Zonen Europas ist; hier prallen die eurasische und afrikanische Erdplatte aufeinander. Durch die Bewegung entfernen sich Sizilien und Kalabrien jährlich um 0,5 bis 0,8 mm und es kann jederzeit zu schweren Erdbeben kommen, wie bereits 1908. Leider gibt es das Orakel vom Cap Volcanico nicht mehr, das man fragen könnte, ob es Sinn macht, der Natur zu trotzen.