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Kalabrien mit Veronika Haltinner

Kalabrien – das ist Italien in seiner ursprünglichsten, stolzesten Form. Weitab vom Massentourismus fasziniert die wilde Stiefelspitze mit weiten Sandstränden, geschichtsträchtigen Bergdörfern und einer Küche, die von feuriger `Nduja bis zu zuckersüssen Zwiebeln reicht. Begleiten Sie unsere Reiseleiterin Veronika Haltinner auf einer unvergesslichen Frühlingsrundreise zu antiken Schätzen, aktiven Vulkanen und verborgenen Genussorten, an denen die Zeit stillzustehen scheint. Willkommen im echten, unverfälschten Süden!

Veronika Haltinner
Reisebericht von Veronika Haltinner
Reiseleiterin
4. - 11. Mai 2026

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Stiefelspitze statt Massentourismus: Auf Entdeckungsreise in Kalabrien

Kalabrien, die „Spitze“ des italienischen Stiefels, befindet sich im äussersten Süden Italiens, weitab vom uns bekannten und geliebten Italien. Für viele noch ein Geheimtipp und so ist es nicht verwunderlich, dass ich gleich bei der Begrüssung am Flughafen von mehreren unseren Gästen zu hören bekomme, dass sie schon lange auf ein Reiseangebot in diese Region gewartet haben. Anders als Rom, Venedig und Florenz ist Kalabrien nicht für den Massentourismus prädestiniert sondern eine ursprüngliche Region, bekannt als das Armenhaus Italiens oder wegen der Mafia, der ‚Ndrangheta.

Mit Edelweiss fliegen wir am späten Nachmittag nach Lamezia Terme, Flugzeit weniger als zwei Stunden. Der Flughafen ist klein und übersichtlich. Claudia, eine sympathische Baslerin die seit vielen Jahren hier mit ihrer Familie lebt, empfängt uns herzlichst. Das erste was wir lernen: „Ihr seit nun in Kalabrien, lasst die Schweiz wo sie ist. Viele kennen Italien aber nicht Kalabrien, hier herrscht eine eigene Mentalität“. Es ist schon dunkel auf der einstündigen Fahrt zu unserem Hotel in Zambrone Marina. Bei der Ankunft erwartet uns ein appetitlicher Antipasti-Teller, bevor wir unsere Zimmer in der gepflegten Gartenanlage beziehen.

Nach einem typisch italienischen Frühstück führt uns der erste Tagesausflug zum nahegelegenen Capo Vaticano. Das Cap gilt als das schönste Küstengebiet Kalabriens und bietet atemberaubende Ausblicke auf Klippen, Buchten und die Weite des Meeres. Wir erfahren, dass der Name nichts mit dem Vatikan zu tun hat, aber mit einem Orakel, das bereits vor 2800 Jahren, zu Zeiten der Griechen, in Kalabrien von den Seefahrern besucht wurde, um zu erfahren, ob sie die Fahrt durch die Strasse von Messina wagen konnten. Die Meeresungeheuer Skylla und Charybdis waren sehr gefürchtet, denn sie lauerten den vorbeifahrenden Schiffen auf. Skylla verschlang mit seinen sechs Köpfen Matrosen und Charbydis sorgte für den sicheren Untergang der Schiffe; ein Dilemma, bei dem man zwischen zwei gleich schweren Gefahren oder Übeln wählen musste. Die Farbe des Wassers unterhalb des Caps an der Costa degli Dei (Küste der Götter) ist klar und schillert intensiv farbig in vielen Nuancen. Laut einer Legende, sollen die Sarazenen eine wunderschöne Frau geraubt haben, die sich aus Kummer vom Kap in die See gestürzt hatte. Seither leuchtet das Meer hier in den Lieblingsfarben der Frau: in azurblau, türkis, smaragdgrün bis hin zu dunkelblau.

Weiter geht es nach Tropea, das sich als „Perle des Thyrennischen Meeres“ vermarktet. Die Lage ist zweifellos einzigartig, das Städtchen, mit seinen ehemaligen Adelspalästen reicher Familien wie den Grimaldis, Rufos, Medicis sowie 15 Kirchen, thront auf einem steil abfallenden Sandsteinfelsen über dem Meer. Die Häuser sind wahrlich majestätisch, auch wenn fast alle Hausfassaden Löcher aufweisen. Grund dafür ist: wer früher sein Haus nicht fertig baute, zahlte keine Steuer. Tropea ist zum Inbegriff von Ferien in Kalabrien geworden, der Ort hat sich ganz auf den Tourismus eingestellt. Zahlreiche Souvenirgeschäfte, Restaurants und Cafes verwöhnen die Touristen im mittelalterlichen Ambiente. Steile Treppen führen zum Stadtstrand hinunter, wo man am Strand entlang bummeln, nachts tanzen und Kalabrien kennen lernen kann. Natürlich besuchen wir auch das Wahrzeichen Tropeas, die Benediktiner Wallfahrtskirche Santa Maria dell’Isola, die sich auf einem separat vorgelagerten Felsen im Meer erhebt und über eine in den Felsen eingehauene Treppe erreichbar ist.

Unser letzter Besuch heute gilt Pizzo, ein Ort der auch auf einem steilen Klippenvorgebirge liegt. Hier besuchen wir die Kirche der Madonna von Piedigrotta, die am Ende des siebzehnten Jahrhunderts von einigen neapolitanischen Schiffsbrüchigen wegen eines Gelübdes in den Felsen gehauen wurde. Viel später hat Angelo Barone und sein Sohn in fast 40jähriger Arbeit noch über 200 heilige Statuen in Tuffstein gemeisselt.

Wir sehen uns auch noch kurz das Schloss von Joachim Murat an, heute ein Museum. Murat war ein französischer Kavalleriesoldat, der die Schwester Napoleons heiratete und dadurch König von Neapel wurde. Vor allem bekannt ist Pizzo jedoch für die Glacéspezialität Tartufo, die hier erfunden wurde. Diese Eisspezialität, wegen seiner Form auch Trüffeleis genannt, wurde einst für eine königliche Hochzeit eher zufällig kreiert, weil die Formen für das Dessert ausgingen. Der Konditor, Don Pippo, soll daraufhin Haselnuss- und Schokoladeeis kurzerhand von Hand geformt und in Kakaopulver gerollt haben. Das Besondere am Tartufo ist das flüssige Schokoladenherz, das selbst in gefrorenem Zustand flüssig bleibt. Heute gibt es verschiedene Variationen von Tartufos, aber wir geniessen das Original, das „Tartufo originale de Pizzo“, in einer der vielen Gelaterias auf dem Hauptplatz, Ein wahrhafter Schokoladentraum ! Diejenigen, die nicht mehr zum Bus laufen mögen, lassen sich in einem der dreirädrigen Tuk Tuks den Berg zum Parkplatz hochfahren. Nach einem Tag voller unvergesslicher Eindrücke fahren wir müde ins Hotel zurück.

Zu Gast bei den Familien im grünen Hinterland

Der dritte Tag bringt uns ins Landesinnere; das Thema Land und Leute steht heute an. Auf der kurzen Fahrt dorthin erzählt uns Claudia wieder einige Anekdoten aus ihrem „italienischen“ Lebensabschnitt und versucht uns zu erklären, wie Kalabrien tickt. Kalabrier sind Familienmenschen, die Familie kommt immer an erster Stelle. Kalabrier haben immer recht und das Ehrenwort in Kalabrien ist Ehrenwort. Wir fahren auf Serpentinenstrassen. Kalabriens Hauptstrassen sind wie unsere Nebenstrassen, der Strassenbelag oft uneben und wie ein Flickenteppich, Schlaglöcher gehören genauso dazu. Unser Fahrer, Tonino, kennt seine Strassen bestens und fährt den grossen Bus souverän durch die kleinen Bergdörfer, auch wenn rechts und links Autos parkiert sind. Das Hinterlerland ist grün und schön ruhig, wie eine andere Welt. Die Wiesen sind voll Wildblumen, dazwischen hochgewachser, leuchtend gelber ferula (wilder Fenchel) und wilder Raps. Auf dem Monte Poro angelangt, auf ca 500 Meter Höhe, bläst ein straffer Wind. Hier auf der Hochebene besuchen wir eine Familie, die über 100 Schafe besitzt, von denen wir allerdings keine sehen. Wir sind hier um deren Produkte zu verkosten, unter anderem der Pecorino, der Schafskäse. Der Monte Poro ist Heimat der `nduja, einer teuflisch leckeren Perperoncini Streichwurst, wie eine Mettwurst, die dann in einem Schweinedarm gepresst wird. Man kann sie auch in Gläsern kaufen, was den Vorteil hat, dass man sie mit Olivenöl bedeckt gut im Kühlschrank aufbewahren kann.

‚Nduja wird als Brotaufstrich aber auch zum Kochen, z.B. für eine Tomatensauce benutzt, damit sie etwas kräftiger schmeckt. Allgemein lieben die Kalabrier scharfes Essen, die kleinen roten Chilischoten sind als das „viagra calabrese“ bekannt. Aber keine Angst, im Hotel wird für uns Touristen mild gekocht.

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Von süssen Zwiebeln und tektonischen Kräften: Kalabriens faszinierender Süden

Dann fahren wir nach Zungri, ein kleines Dorf, in der sich eine antike Höhlenstadt erhalten hat. Die Stadt stammt aus byzantinischer Zeit und die Höhlen dienten als Behausung der dort lebenden Menschen bis ins 14. Jahrhundert. Bauern aus der Umgebung nutzten die Grottenwohnungen später als Stallungen für ihre Tiere. Über 100 Häuser, Ölmühlen und sakrale Räume aus Sandstein sind erhalten. Diese zu besichtigen muss man sich aber mit einem steilen Abstieg verdienen. In dem kleinen Museum für Felsen- und Bauernkultur bekommen wir einen Einblick, wie die Menschen gelebt haben; von Lebensmitteln, handwerklichen Geräten zum Schmieden und Weben bis zu Hochzeitskleidern und zum Kindsbett.

Das Souvenirgeschäft im Dorf möchte auch noch etwas verdienen und wir dürfen dort nochmals kalabresische Spezialitäten kosten. Oliven, Olivenöl, Gewürze, Kräuterbitter, Marmeladen aus Orangen und Zitronen aber auch Marmelade aus Peperoncini, Marmelade aus den bekannten süssen Zwiebeln und vieles mehr. Sie haben richtig gehört, Zwiebelmarmelade wie ein Chutney zu Käse, für Sandwiches oder Grillparties.

Die roten Zwiebeln von Tropea sind eine weitere Spezialität der Region. Sie sind nur aussen rot, süss, verursachen keine Tränen und man kann nach dessen Genuss ruhig in den Ausgang gehen ohne dass die Leute wegrennen. Der Koffer füllt sich langsam und wir verbringen den Nachmittag auf einer der Liegen am Strand des Hotels.

Ein neuer Tag: heute fahren wir nach Süden nach Scilla und Reggio Calabria, ans Ende Italiens ! Auf dem ersten Teil der Strecke führt eine Panoramastrasse dem Meer entlang. Kalabrien wird von zwei Meeren umschlossen - dem Tyrrhenischen im Westen und dem Ionischen im Osten - die sich in Wassertemperatur, Salzgehalt und Wasserdichte unterscheiden. Jede Küste hat ihren eigenen Charakter. Die Tyrrhenische Küste ist schmal, schmäler als die ionische - dahinter kommen gleich die Berge mit malerischen Dörfern an den Hängen. Bergdörfer, die wie ausgestorben wirken - die Jungen sind an der Küste, die Alten bleiben in den Dörfern. Sie waren Landwirte und Hirten, die der Schafzucht nachgingen oder ihren Unterhalt mit der Kultivierung von Oliven sicherten.

Annähernd 800 Kilometer Küste alleine in Kalabrien, daher verwundert es nicht, dass Kalabrien in erster Linie eine Badedestination ist. Das tolle ist, dass es eine grosse Auswahl an langen Sandstränden wie auch kleinen Buchten gibt. Sand- und Kieselstrände wechseln sich ab. Manche Stände sind sehr idyllisch in der Natur gelegen und andere sind mit Strandbars und Liegen, sog. Lidos, ausgestattet.

Auf der Fahrt nach Süden sehen wir, wie schon am ersten Tag vom Cap Vaticano aus, dank des guten Wetters, gleich drei aktive Vulkane. Den Stromboli, daueraktiv und einer der aktivsten Vulkane der Erde. Er gehört zu den Liparischen Inseln wie auch der Vulcano, von dem das heutige Wort Vulkan abgeleitet wird. Den Ätna auf Sizilien, nicht nur der aktivste sondern auch der höchste Vulkan Europas, erkennt man zu dieser Jahreszeit am Schneemantel.

Claudia erzählt uns heute so einiges über die Geschichte Kalabriens; warum sich Süd- und Norditalien vereinigt haben, warum es heute fast keine Industrie in Kalabrien mehr gibt und die Leute vorwiegend von der Landwirtschaft leben, was dieser Region den Ruf Armenhaus Italiens eingebracht hat, und was die jahrzehntelange Auswanderung verursacht hat. Währenddessen fahren wir durch eine der drei grossen Ebenen Kalabriens, der Ebene von Goia Tauro, zwischen Meer und dem Aspromonte Gebirge, dem Skigebiet Kalabriens. Hier befindet sich einer der grössten Containerhafen Italiens, bekannt ist die fruchtbare Küstenebene jedoch für intensiven Oliven- und Zitrusanbau. Kalabrien ist der 4. grösste Produzent von Oliven nach Sizilien, Apulien und der Toscana. Es werden grosse Mengen an Orangen, Mandarinen, Clementinen und Grapefruits und auch Kiwis angebaut. Grüne, gelbe und rote Kiwis, letztere sind die exklusivsten aber auch die empfindlichsten im Anbau. Geerntet wird im November von Hand. Junge Leute hier möchten lieber eine Kiwi-Plantage besitzen als Bankdirektor werden, erklärt uns Claudia. Dass die Kiwis sehr gut schmecken, haben wir im Hotel schon bemerkt, wo wir jeden Tag dicke Kiwis auf dem Büffet vorfinden.

In Scilla an der Costa Viola angekommen, besuchen wir zuerst die Burg der Familie Ruffo, die zusammen mit der kleinen Kirche Sant’Espirito das Ortsbild dominiert.

Der Ort der Verteidigung, liegt kurz vor der Meeresenge von Messina, wo uns lediglich drei Kilometer von Sizilien trennen. Scilla war also der ideale Ort, um das kalabrische Land von denen zu schützen, die vom Meer herkamen. Später bummeln wir durch die idyllischen engen Gässchen des Fischerviertel Chianalea, das sich unterhalb der Burg an den Felsen schmiegt. Zum Mittagessen gibt es am Strand fangfrischen Schwertfisch, eine Spezialität Kalabriens, die mit speziellen Booten, sog. „Feluken“ mit 27 m hohem Mast, seit über 2000 Jahren gefangen werden.

Die Meeresstraße ist 32 Kilometer lang, zwischen drei und acht Kilometer breit und maximal 250 m tief. In der Straße von Messina treffen das Thyrrenische und das Ionische Meere aufeinander. Aufgrund unterschiedlicher Gezeiten (Ebbe und Flut) und Salzgehalte entstehen dort starke Strömungen, bei denen das leichtere tyrrhenische Wasser über das schwerere ionische Wasser fließt. Immer wieder hört man in den Medien dass hier, an der engsten Stelle, eine Hängebrücke gebaut werden solle. Selbst wenn es wohl keine Meeresungeheuer gibt, weiss man, dass die Strasse von Messina eine der tektonisch aktivsten Zonen Europas ist; hier prallen die eurasische und afrikanische Erdplatte aufeinander. Durch die Bewegung entfernen sich Sizilien und Kalabrien jährlich um 0,5 bis 0,8 mm und es kann jederzeit zu schweren Erdbeben kommen, wie bereits 1908. Leider gibt es das Orakel vom Cap Volcanico nicht mehr, das man fragen könnte, ob es Sinn macht, der Natur zu trotzen.

Kultur, Kulinarik und ein Hauch von Magie: Unser grosses Kalabrien-Finale

In Reggio Calabria besuchen wir das Archäologische Museum, um die einzigartigen griechischen Bronzefiguren von Riace zu bewundern. Die beiden Figuren wurden als Krieger, Gladiatoren oder sogar als Götter gedeutet und sind ca 2 m hoch. Beide sind nackt und kräftig gebaut; der eine ist dynamisch und stolz, der andere reifer und entspannter. Kopfschmuck, Augen, Wimpern, Zähne, jeder Muskel des Körpers zeugen von dem genialen Schaffen des unbekannten Künstlers. Es gäbe noch weit mehr in dem modernen Museum zu sehen, aber die meisten spazieren lieber noch etwas an der schönen, von Palmen gesäumten Uferpromenade, mit Sicht auf den Ätna, entlang oder trinken einen Espresso am Corso Vittorio Emanuele. Von Reggio Calabria kann man Sizilien direkt über das Wasser sehen, und Fähren verbinden die beiden Regionen in weniger als einer Stunde.

Die Tage vergehen wie im Fluge, so dass der nächste Vormittag zur freien Verfügung geschätzt wird. Erst am Nachmittag werden wir abgeholt, um in der Hafenstadt Vibo Marina, wo Fischerei, Schifffahrt und auch Sportfischen im Zentrum der Aktivitäten stehen. Thunfischerei hat historische Bedeutung und Vibo Marina ist ein Zentrum für hochwertigen Roten Thunfisch im Mittelmeer. Die Marpesca Familie betreibt hier Thunfischfang nach der nachhaltigen japanischen Ikejime Tradition. Gian Lorenzo, einer der beiden Söhne der Marpesca Familie persönlich, wartet auf unsere Gruppe und erklärt geduldig, wie dank diese tierfreundliche Methode der Fisch kaum Stress erfährt, was die Bildung von Milchsäure verhindert und das Fleisch fester hält. Natürlich dürfen wir den exzellenten, eingelegten Thunfisch vor Ort kosten und ein Glas Prosecco dazu fehlt nicht. Da es die Nacht davor stürmisch war, sind kaum Fischerboote aufs Meer rausgefahren und wir können nur die Ankunft eines einzigen Bootes mitverfolgen, das ihren Fang an Land bringt. Etwas später können wir bei der Auktion dabei sein, wo der frisch gefangene Fisch und die Meeresfrüchte direkt an den Meistbietenden versteigert werden.

Unser letzter Tagesausflug auf Kalabrien führt uns diesmal in den Norden nach Cleto und Belmonte. Ein spezieller Ausflug in ein Gebiet, das nicht auf den üblichen Gruppenausflügen steht. Es geht entlang des Sant’Euphemia Golfes, vorbei an verknorrten Korkeichen, zur Lamezia Ebene, einer weiteren Landwirtschaftszone von der viele Menschen leben. Auch hier Anbau von Zitrusfrüchten und, zu unserem Erstaunen, erfahren wir, dass Kalabrien der grösste Erdbeerproduzent Italiens ist. Wir sehen riesige Gewächshäuser, in denen aber auch allerlei an Gemüse angebaut wird, so Zucchini, Aubergine, Paprika, Gurken, Salate usw. Wo einst wegen Malaria gefürchtetes Sumpfgebiet war, aus dem man Kinder fernzuhalten versuchte, indem man ihnen erzählte, dass eine riesige grosse Henne hier lebte, die Kinder frass, gibt es heute riesige Olivenplantagen. Von den rund 500 Olivensorten, die in Italien bekannt sind, werden 28 Sorten in Kalabrien angebaut. Zudem gibt es eine kleine Industriezone und Thermalbäder, worauf der Name der Gemeinde und des Flughafens „Lamezia Terme“ hinweist. Es gibt eine Vielzahl von historischen Thermen, mit ihren heilenden Eigenschaften wie die Terme di Caronte, eine der ältesten und bekanntesten in Kalabrien.

Wir fahren der Küste entlang bis nach Amantea, einer grösseren Ortschaft, von wo aus einst viele Einheimische nach Toronto ausgewandert sind und die im Sommer bei Italienern beliebt ist. Amantea wird umrahmt von einem Vorgebirge des Sila Gebirgsmassivs, das fast 2000 m erreicht. In den Wintermonaten gibt es da beträchtliche Schneemengen von den Abruzzen kommend und daher ein weiteres kleines Skigebiet. Dann verlassen wir die Küste und fahren den Berg hoch Richtung Cleto und ich denke mir, dass ein Dü-Da-Do eines Schweizer Posthorns sehr nützlich wäre. Das letzte Stück nach Cleto, einem Mini-Dorf, bekannt für seine zwei Burgen, wovon wir aber nur eine besuchen, bewältigen wir zu Fuss. Am Dorfbrunnen, einer natürlichen Mineralquelle, beobachten wir einen Ortsansässigen, der geduldig seine 36 leeren Plastikflaschen auffüllt. Eine weitere kurze Fahrt im Bus und wir sind am Fusse von Belmonte angelangt. Im Zentrum des historischen Geisterdorfes empfängt uns Gerardo musikalisch mit seiner Gitarre. Das sorgt für gute Stimmung und auf dem Rundgang durch die ineinander geschachtelten, teils verfallenen Bauwerke, nur getrennt von schmalen Gassen, erfahren wir viel Interessantes und Amüsantes über Belmontes Vergangenheit, immer musikalisch untermauert. Im mehrstöckigen verwinkelten Garten des einzigen kleinen Restaurants im Ort, das speziell für uns mittags seine Türen öffnete, sitzen wir unter Zitronenbäumen und geniessen frische Bruschetta aus fleischigen Belmonte Tomaten, die bis zu einem halben Kilo wiegen. So lässt sich leben und Gerardo spielt noch einige Lieder auf seinem Akkordeon. Zum Dessert stoppen wir unterwegs noch kurz in Colavolpe bei einer Familie die sich seit drei Generationen auf Feigendelikatessen spezialisiert hat.

Handgemachte Pasta & Frühlingssonne

Der Sonntag steht zur freien Verfügung. Einige bleiben im Hotel und geniessen die Sonne, andere fahren mit dem Hotelshuttel nach Tropea und wollen in aller Ruhe durch das wunderschöne Städtchen bummeln und in einem netten Restaurant gut essen und dolce far niente geniessen. Einige hingegen haben sich für unseren optionalen Halbtagesausflug Weingebiet & Kochkurs angemeldet. Wir fahren ins Hinterland und werden auf dem Vigna Masicei, einem nur 4 ha grossen Weingut, das aber wie die meisten Landgüter in Kalabrien aufgrund des Erbrechts nicht aus einem zusammenhängenden Landstück besteht. Die Geschwiester Cosimo und Anna empfangen uns herzlich. Anna hat sich drei Gerichte ausgedacht, die wir mit ihrer Hilfe zubereiten werden. Gefüllte rote Zwiebeln aus Tropea, melanzane alla parmigiana (Aubergine mit Parmesan Käse) und handgemachte Teigwaren. Zur Stärkung bekommen wir schon mal einen ihrer Weissweine zu trinken. Die wohl typischste Pasta aus Kalabrien heisst Fileja, die traditionell an Sonntagen von allen einheimischen Familien gegessen wird. Dafür bekommt jeder von uns eine Schale mit zwei Mehlsorten, Mehl typ OO und Hartweisengriss, sowie die halbe Menge Wasser dazu. Zuerst wird die Masse geknetet und danach in lange Kordeln gedreht. Diese werden in kleinere Stücke unterteilt und auf ein dünnes Holzstäbchen gewickelt und danach rollend auf dem Tisch leicht flachgedrückt, was die typische Form von länglich gedrehten Röhren ergibt. Während wir die wunderbare Aussicht bei einem Glas Wein geniessen und uns unterhalten, steckt Anna unsere Gerichte in den Ofen. Als wir schliesslich, nebst weiteren Häppchen, unser schwer erarbeitetes Mittagessen schlemmen, müssen wir einfach selber unsere Kochkünste loben. Es lebe die italienische Küche !

Den letzten Tag gehen wir gemächlich an, denn der Heimflug mit Edelweiss ist erst abends. In nur einer Woche in Kalabrien haben wir viel gesehen und gehört und hatten trotzdem auch Zeit für individuelle Besichtigungen und in der Frühlingssonne zu baden.

Im Mai erwacht Kalabrien langsam, viele Hotels bereiten sich auf den Sommer vor, für eine Rundreise jedoch eine perfekte Jahreszeit. Wir erlebten Kalabrien authentisch, stolz und dennoch etwas verborgen und entdecken hier eine Seite Italiens, die zeitlos wirkt - ein Ort, an dem Geschichte, Natur und Menschlichkeit auf eine Weise zusammen kommen, die immer seltener wird.

Kalabrien ist einzigartig, weil es nicht versucht, perfekt zu sein. Danke Dir, liebe Claudia, für all die kleinen Geschichten und wir denken daran ,dass „die Geduld die Tugend der Starken ist“. Danke auch allen Mitreisenden für Eure Geduld, wir hatten eine schöne Zeit zusammen.

Eure Reiseleiterin, Veronika Haltinner

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