Seit der alpine Skiweltcup 1966 im chilenischen Portillo gegründet wurde, haben nur zwei Ausnahmeerscheinungen die Skination Schweiz in totale Euphorie versetzt: Bernhard Russi und Pirmin Zurbriggen. Marco Odermatt ist der dritte Superstar, der Kultstatus erreicht hat und den helvetischen Skihimmel erstürmt.
Und jetzt also der erst 26-jährige Innerschweizer Marco Odermatt, der aktuell beste Skifahrer der Welt. Dass er mit den beiden legendären Superstars Gemeinsamkeiten hat, ist unverkennbar. Auch er ist eine starke Persönlichkeit, ist charismatisch und bescheiden. Andere sehen ihn als furchtlosen, kompromisslosen Draufgänger, einen rennsportlichen Killer, der aber zur rechten Zeit auch gern mit Freunden fröhliche Feste feiert. Vermutlich ist es die Mischung aus allem, was ihn derart erfolgreich und zum grossen Sympathieträger macht.
Wenn einer weiss, wie wichtig der Zustand des Körpers ist, dann ist es Odermatt. Denn in seiner frühen Jugendzeit im heimischen Buochs hinkte er den andern immer ein wenig hinterher, war klein und leichtgewichtig. So lernte er zu kämpfen und musste immer etwas mehr tun, um sich gegen die stärkeren Athleten durchzusetzen. Es war das Beste, was ihm passieren konnte. Interessant in dem Zusammenhang: Wenn Odermatt heute aufsteht und das Krafttraining steht auf dem Plan, denkt er nie, wie toll das doch sei. Diese Sessions macht er nämlich nie aus reiner Freude, sondern weil er muss. «Wenn ich meine Profikarriere mal beende», verriet er dem Magazin seines Hauptsponsors Red Bull, «ist Krafttraining das Erste, was ich aus meinem Leben streiche».
«Odi», wie er im Volksmund längst genannt wird, hat gelernt, mit dem Erfolg zu leben. Bisweilen stresst es ihn zwar, wenn er kaum seine Ruhe hat, doch dann geht er mit seiner Freundin Stella Parpan, einer Medizinstudentin, wandern, mit Kollegen biken oder zum Wakeboarden auf den nahen Vierwaldstättersee. Nie aber käme es ihm in den Sinn, sich über die Aufmerksamkeit der Leute zu beklagen. Denn er weiss: «Ohne Fans bist du als Sportler niemand, bist nur einer, der schnell den Berg hinunterfährt. Mit Fans bist du der, der die Menschen erreicht.» Er meidet auch nicht Veranstaltungen mit vielen Menschen. Er geht, zumindest heute noch, an Fussballspiele, ans Schwingfest oder ans Seenachtfest. Nur von Selfies will er im Ausgang nichts wissen. Und er wird seine Siege nach wie vor geniessen: «Wer Erfolge nicht feiern kann, führt ein trauriges Leben.»
Die ReiseLust hat drei ganz Grossen des Skiweltcups fünf Fragen zu Marco Odermatt gestellt: den einstigen Superstars Bernhard Russi und Pirmin Zurbriggen sowie Karl Frehsner, dem erfolgreichsten Trainer der Skigeschichte.
1. Was beeindruckt Sie an Marco am meisten?
Russi: Sein multisportives Bewegungstalent und seine Natürlichkeit, seine Bodenständigkeit.
Zurbriggen: Seine Sensibilität zur Geschwindigkeitseinschätzung auf den Ski. Auch seine menschliche, demütige Haltung kommt ihm sehr zugute.
Frehsner: Seine Persönlichkeit. Er ist so, wie ich ihn vor vielen Jahren kennen gelernt habe: ein realistischer, angenehmer, volksnaher Mensch, ein normaler Bürger. Er hat den Gleichgewichtsinstinkt einer Katze, die immer auf den Beinen landet. Und er tritt immer cool und gelassen auf, ohne jegliche Selbstüberschätzung.
2. Wenn man ganz oben ist wie jetzt Marco: Wie schwierig ist es, oben zu bleiben?
Russi: Indem man sich bewusst ist, dass jeder Erfolg von einem Wellental begleitet wird. Dass man ab und zu auch wieder runter muss. Dass man verlieren lernt.
Zurbriggen: Der Gejagte zu sein ist immer schwieriger. Vor allem im Skirennsport, wo es viele Einflüsse gibt und viele Athleten bereit sind, das letzte Risiko einzugehen.
Frehsner: Das hängt von vielen Dingen ab. Vor allem von der Gesundheit und ob man unfallfrei bleibt. Und dass man sich selbst bleibt und nicht das tut, was andere wollen.
3. Welches sind die wichtigsten Voraussetzungen, um das Top-Niveau zu halten?
Russi: Körperliche Ausgeglichenheit und Fitness, mentale Zufriedenheit. Wachsende Erfahrung und Taktik in bezug auf Grenzerfahrung (Limite).
Zurbriggen: Dass man das Talent ausschöpft, auf das eigene Körpergefühl zählt und die Erholung nicht zu kurz kommen lässt.
Frehsner: Gesundheit, keine Unfälle, richtige Selbsteinschätzung, optimales Training, die immense Arbeit als Freude empfinden, Verzicht auf viele reizvolle Nebensachen.
4. War es für Marco von Vorteil, dass er den Vertrag mit seiner Skifirma Stöckli bereits bis zu den Olympischen Spielen 2026 verlängert hat?
Russi: Das war einer der klügsten Entscheide. Damit sind Ruhe, Vertrauen und Konstanz eingekehrt.
Zurbriggen: Mit Stöckli ist er aufgewachsen, und er weiss, was er an der Firma hat. Er weiss auch aus eigener Erfahrung, wie er die Ski in welcher Situation zu fahren hat. Dabei kann er auf Menschen zählen, die sehr viel Wissen haben und grosse Arbeit leisten. So kann er sich optimal auf die Saison und auf jedes Rennen vorbereiten. Es ist wie in einem Formel-1-Team, das gut geführt werden muss und die richtigen Feedbacks liefert.
Frehsner: Vertrauen ist alles, und das hat er. Er selbst lenkt die Ski ins Ziel. Er spürt, was für ihn das Idealste ist.
5. Halten Sie es für möglich, dass ein einziger Fahrer den Weltcup noch einmal so dominieren kann wie zuletzt Marcel Hirscher?
Russi: Ja! Marco Odermatt. Ich sehe keine Gegner, wenn er unfallfrei und gesund bleibt.
Zurbriggen: Das ist immer möglich, doch es kommt auf die Gesundheit an und wie stark die Gegner sind.
Frehsner: Ja und nochmals ja.
Ein paar der wichtigsten und emotionalsten Meilensteine in der Karriere von Marco
Odermatt:
2016
– Weltcupdebüt am Weltcupfinale in St. Moritz.
– Erste Weltcuppunkte (Platz 17) im Riesenslalom von Sölden.
2018
– Fünffacher Junioren-Weltmeister in Davos (was vor ihm noch keiner geschafft hat).
2019
– Erster Podestplatz im Riesenslalom von Kranjska Gora.
– Erster Weltcupsieg im Super-G von Beaver Creek.
2021
– Erstmals Schweizer Sportler des Jahres.
2022
– Siege im Riesenslalom von Adelboden und im Super-G von Wengen.
– Riesenslalom-Gold an den Olympischen Spielen von Peking.
– Gewinner der Riesenslalomwertung.
– Erster Schweizer Gewinner des Gesamtweltcups seit Carlo Janka 2010.
– Zwölf Weltcup-Podestplätze in Folge.
– Schweizer Sportler des Jahres.
2023
– Gold in Abfahrt und Riesenslalom an den Weltmeisterschaften in Courchevel.
– Gewinner des Gesamtweltcups mit der Rekordzahl von 2042 Punkten.
– Gewinner der Super-G- und Riesenslalomwertung.
– Schweizer Sportler des Jahres.