Der SBB-Kondukteur Charly Glaus aus dem sankt-gallischen Benken wurde für verrückt gehalten, als er vor siebzig Jahren bei Losone auf einer öden Sandbank im sumpfigen Delta der wilden Maggia ein riesiges Stück Riedland kaufte, das keiner wollte. Der Quadratmeter hatte ihn 50 Rappen gekostet, und er war besessen von der Idee, das erste Motel in der Schweiz zu bauen. Im ersten Gebäude, das er auf seinem neu erworbenen Land mit wenig Kapital, aber grosser Unterstützung seiner Frau Charlotte errichtete, kostete das Zimmer mit Fensterscheibe sechs Franken, vier Franken waren es ohne Verglasung. Die Zwischenwände waren mehrheitlich aus Karton, draussen stand ein aufblasbares Schwimmbad.
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Was folgte, war eine märchenhafte Erfolgsgeschichte. Denn ein Jahrzehnt nach Kriegsende reisten die ferienhungrigen Schweizer mit ihren neuen Autos in langen Kolonnen ins Tessin, das günstige Motel nahe Ascona mit seinem grossen Parkplatz wurde zum Geheimtipp. Charly Glaus investierte jeden Franken in sein neues kleines Reich, das Genuss, Entspannung und Befreiung versprach. Er ratterte mit seinen Gästen im Nostalgiezug aus dem Jahr 1923 in die letzten Winkel des Centovalli und auf dem Fahrrad wieder zurück, veranstaltete legendäre Feten bis in die frühen Morgenstunden und servierte das Frühstück rund um die Uhr, als noch keiner seiner gebildeten Hotelierskollegen davon gehört hatte.
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Zu Beginn der neunziger Jahre war das «Albergo Losone» ein viel bestauntes Fünfsternehotel. Eine Oase mit einem geradezu wahnsinnigen Stilmix. Da hingen und standen Geigen, Trompeten, Mandolinen, Orgeln, Horn, Xylophon, antike Näh- und Schreibmaschinen, eine Honigpresse aus dem 16. Jahrhundert und vieles mehr herum. Ein Sammelsurium mit unglaublicher Anziehungskraft, weil es jenseits von Gut und Böse war. Das Märchen von Losone schien zu Ende, als Charly Glaus mit gesundheitlichen Problemen kämpfte und die Führung des Hotels an eine seiner Töchter und ihren Mann übergab. Die Gäste blieben plötzlich weg, ein Verkauf schien unausweichlich.
Und dann geschah das Unerwartete: Sohn Diego brach seine Karriere bei Mövenpick ab und folgte dem Hilferuf aus dem Tessin. Beim Prüfen der Finanzen seien ihm die ersten grauen Haare gewachsen, erinnert er sich. Dann machte er sich an die Arbeit. Vieles liess er unverändert, doch vor allem begeisterte er die Gäste mit verrückten Angeboten. Dank einem neuen Labor ist das Albergo seit diesem Jahr das einzige Hotel im Tessin, das frei von Tigermücken ist. Neu ist es zudem das weltweit wohl einzige Fünfsterne-Ferienhotel mit einer eigenen Kinderarztpraxis. Diese wird von der jungen Kinderärztin Fabienne Luterbacher geführt. Sie ist die Frau von Lorenzo Studer, der in Ascona das mehrfach ausgezeichnete, familieneigene Bijou Art Hotel Riposo führt. In Planung ist unter anderem ein neues Schwimmbad – mit Sandstrand.
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Das Albergo Losone zählt seit Jahren zu den am besten ausgelasteten Ferienhotels im Land. Im Schweizer Hotelrating wird es seit Jahren als bestes Familienhotel ausgezeichnet. Zu den ersten der vielen Stammgäste zählte einst Zirkusunternehmer Fredy Knie, ein enger Freund von Charly Glaus. Fredy Knies Sohn Rolf, Kunstmaler, Artist, Schauspieler und mittlerweile 76-jährig, lernte das Albergo schon als Kind lieben. Seit er sein Haus und das Atelier auf Mallorca verkauft hat, ist er gut zehnmal jährlich im Albergo. Es sei, als käme er nach Hause, sagt er. Jeder Stein, jede Pflanze und jeder Baum wecke Erinnerungen. Es stecke unglaublich viel Liebe hinter allem. Rolf Knies Bilder und Skulpturen sind im Albergo allgegenwärtig. Er hat sie dem Hotel geschenkt.
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Im Unterschied zu den meisten Spitzenhotels hat Diego Glaus nie einen Mäzen im Rücken gehabt. Dennoch investiert er im Schnitt jährlich gut eine Million Franken. Heuer waren es gar zwei. Wer den Torbogen zum Albergo Losone durchschreitet, wird schier erschlagen von der Schönheit dieses Paradieses, das auch auf einer Insel im Indischen Ozean liegen könnte. Der Palmengarten ist der grösste im Land, die Üppigkeit der subtropischen Vegetation grandios, das Blumenmeer endlos und der Pool tiefblau. Am Rande eines wunderschönen Biotops auf dem Hotelgrundstück erinnert ein Felsbrocken an den Mann, mit dem alles seinen Anfang nahm. «Charly» steht schlicht darauf.