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Montenegro

Bericht vom 25. – 30. April 2018

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Es berichtet für Sie unsere Reiseleiterin

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Roswitha Gassmann

«Was suchen wir andere Länder unter anderer Sonne? Entkommt, wer sein Land hinter sich lässt, sich selber?» von Horaz

Weitere Infos

Wie bist du Reiseleiterin geworden?

Ich war als Gast unterwegs in einer Gruppe. Als der Reiseleiter entdeckte, dass ich mich in mehreren Sprachen mit Leichtigkeit unterhielt, sagte er mir: «Wir brauchen ganz dringend Leute wie Sie». Da ich gerade an einem beruflichen und privaten Scheideweg stand, nahm ich die Aufforderung an und bewarb mich – mit Erfolg.

Was zeichnet dich als Reiseleiterin aus?

Die Neugierde für neue Länder, Geschichten, Kultur, aber auch die Freude an den Menschen, die ich betreue.

Worin siehst du die Vorteile / den Mehrwert einer Gruppenreise?

Die Gäste sitzen im Bus, können hinausschauen, schlafen, lesen, und an den Zieldestinationen ist alles organisiert. Die Gäste können sich entspannen und gehen lassen. Oft entstehen anlässlich solcher Gruppenreisen Freundschaften auf ewig.

Was gefällt dir an deinen Aufgaben als Reiseleiter bei Car Tours am besten?

Den Gästen zu einem unvergesslichen Erlebnis zu verhelfen. Die meisten sind sehr, sehr dankbar dafür.

Welches Reiseziel in Europa ist dein liebstes und warum?

Ein Kollege hat mir einmal gesagt: «Touristen reisen nur an schöne, spannende Orte, deshalb ist jede Destination reizvoll». Seither muss ich immer an ihn denken, wenn mir diese Frage gestellt wird. Mir gefällt es überall – am besten vielleicht dort, wo das Essen gut!

Welche drei Dinge sind auf jeder Reise unverzichtbar?

Gute Gesundheit, Humor und die Zahnbürste

Was ist das lustigste, was du auf einer Reise mit einer Gruppe erlebt hast?

Hier hätte ich ein paar Geschichten auf Lager, allerdings stammen sie alle aus meiner Kuoni-Zeit. Ich kann jederzeit gerne nachliefern. Hier mal ein Beispiel:

Lang ist’s her: In Gran Canaria flogen jeden Sonntag zwei Schweizer Chartergesellschaften ein. Sata um 11.00 Uhr morgens, Balair um 13.00 Uhr nachmittags. Eines Tages kam Sata mit Verspätung und die Balair verfrüht an. Beide landeten um 12.00 Uhr. Mein Kollege von der Konkurrenz hatte auf beiden Maschinen Ankünfte und musste daher mit seinen verschiedenen Listen hantieren. Also fragte er alle Leute: „sind Sie mit der Sata oder mit der Balair gekommen?“ um gleich zu wissen, welche Liste er zur Hand nehmen musste. Da kam ein mittelalterlicher Herr, schaute Dominik auf seine Frage hin entsetzt an und sagte: „Ich?? Ich bin mit meiner Mutter gekommen“!!

Welches war das schönste Kompliment, das du von einem Gast erhalten hast?

Kürzlich: Es gab zwei Höhepunkte auf dieser Reise: die Oper Nabucco und Sie.

Was war dein schönstes Erlebnis bei Car Tours Reisen?

Auf meiner letzten Reise, als 47 Gäste in einer Weinverkostungskantine «joyeux anniversaire» für mich sangen. Dabei hatte ich es geheim behalten wollen.

Montenegro

«Montenegro», haben sie mir alle gesagt, «da würden wir gerne mitkommen! Das soll wunderschön sein.» Neidisch waren sie, meine Bekannten.

Montenegro ist ein kleines Land, nicht einmal ein Drittel so gross wie die Schweiz – und die Bevölkerung: irgendwo zwischen 650’000 und 670’000 Menschen, je nach Quelle. Das Land galt als das ärmste Königreich Europas, bevor es in das jugoslawische Königreich eingegliedert wurde. Seit 2006 ist der kleine Balkanstaat unabhängig. Berühmt ist er für die wunderbaren, kilometerlangen, sauberen Strände, aber auch für die in weiten Teilen des Landes unberührte Natur.

Erwartungsvoll, neugierig steigt meine kleine Gruppe am Mittwoch aus dem Flugzeug aus. Milan, ein grossgewachsener, attraktiver Montenegriner erwartet uns – er wird uns während der ganzen sechstägigen Reise begleiten. Der erste Eindruck auf der Fahrt nach Budva ist überwältigend. Berge und Hügel wohin das Auge schaut, in unzähligen Farbnuancen – von Sattgrün bis hin zu einem dunklen Graugrün. Millionen von Bäumen und Büschen bedecken das Karstgebirge. Sofort versteht man den Namen des kleinen Landes: Montenegro, schwarzes Gebirge.

Fünf Nächte sind geplant in Budva. Die Stadt am Meer ist bekannt für ihre schönen Strände und ein reges Nachtleben. Unser Hotel Mediteran hat die Saison gerade begonnen, alles blitzt blank, schöne Möbel laden in den öffentlichen Räumlichkeiten zum Verweilen auf, die Zimmer mit Balkon sind hübsch, sympathisch. Das Wasser im Aussenschwimmbad ist zwar noch etwas kühl, für Mutige jedoch durchaus einladend. Wer das nicht mag, kann das grosse Indoor-Schwimmbad und die Sauna benutzen oder gar eine Massage buchen. Das Wetter ist hochsommerlich warm, unüblich natürlich für April, aber wir geniessen es: Während der ganzen Woche strahlt die Sonne und die Temperaturen, am Morgen zwar noch etwas frisch, steigen täglich auf 28-30 Grad.

Am Donnerstag holen uns Milan und Zoran, unser Fahrer, zum ersten tagesfüllenden Ausflug ab. Cetinje ist unser morgendliches Ziel. Der Palast von König Nikola und seiner schönen Frau Milena ist eine Gelegenheit, die aufmerksam zuhörende kleine Schar aus der Schweiz in die Geschichte des Landes einzuführen. Dabei erfahren wir unter anderem, dass der König als Schwiegervater Europas galt, weil er es fertigbrachte, seine zahlreichen Töchter in die Königshäuser quer durch Europa zu verheiraten. Die Vergangenheit des kleinen Landes ist geprägt von vielen Scharmützeln. Die gross gewachsenen Montenegriner mussten sich während Jahrhunderten gegen die Osmanen wehren. Die hätten das Land gerne dauerhaft besetzt. Was ihnen allerdings nur teilweise gelang.

Auf der Weiterfahrt gibt es einen kurzen Halt – car-tours.ch lädt zu einer Verkostung von Rohschinken, etwas Käse und einem Glas Wein ein. Der Wein ist eine Empfehlung für die folgenden Tage! Spektakulär dann die nachfolgende Fahrt. Hoch ragen die Berge, die Haarnadelkurven sind mindestens so einzigartig wie in der Schweiz und die Sicht hinunter in die Bucht von Kotor gilt sowieso als eine der eindrucksvollsten der Welt. Die Stadt selbst ist Teil des UNESCO-Weltkulturerbes. Zauberhaft die gepflegte Altstadt, die nach zwei Erdbeben mit internationaler Hilfe wiederaufgebaut wurde. Die mittelalterliche Kathedrale des heiligen Tryphons erinnert daran, dass diese Gegend Teil des legendären Byzanz war. Noch sind Reste von Fresken erhalten und trotz mehrfacher Zerstörungen durch Erdbeben beherbergt die Kathedrale eine der wertvollsten Kunstsammlungen der östlichen Adriaküste und hat eine der reichsten Schatzkammern aus der Zeit des Mittelalters. Eine Augenweide und nicht zu verpassen – genauso wenig wie der Besuch der kleinen Insel, die Perast vorgelagert ist. St. Marien auf dem Felsen ist ein berühmter Wallfahrtsort. Die winzige Insel strahlt eine grosse Ruhe aus und da die Gegend als die sonnenreichste des Landes gilt, kann man den Besuch gut mit einem Urlaub verknüpfen. Vor der Rückkehr ins Hotel bleibt noch Zeit für einen ausgiebigen Apéro.

Der Freitag steht zur freien Verfügung. Wir verabreden uns zu einem gemeinsamen Spaziergang in die berühmte Altstadt von Budva. Zwei Kilometer sind es bis zur Halbinsel, ein hübscher Spazierweg entlang des Strandes führt von unserem Hotel dorthin. Die Altstadt gilt als eine der schönsten Altstädte Montenegros. Ein schweres Erdbeben zerstörte sie 1979 fast vollständig, unverdrossen wurde sie jedoch originalgetreu wiederaufgebaut. Wir schätzen uns glücklich, dass noch nicht Hochsaison ist, denn die engen Gassen gehören uns und nach der intensiven Besichtigung von Kirchen und der Zitadelle finden wir auch Platz unter schattigen Bäumen zu einem obligaten Apéro.

Am Samstag ist der Besuch des legendären Ostrog-Klosters angesagt. Staunend steht man vor dem in den Felsen gebauten Kloster, in dem der heilige Wassily aufgebahrt ist. Noch mehr aber staunen wir über die vielen offensichtlich wallfahrenden Einheimischen, die das Kloster beziehungsweise die Grabstätte des Heiligen besuchen – nicht wie wir, die (bloss?) kulturinteressiert sind. Nein, diese Leute scheinen eindeutig aus religiösen Gründen hier zu sein. Auf dem Weg zum Skutarisee offeriert uns Milan eine Stadtrundfahrt durch Podgorica, die Hauptstadt Montenegros. Cetinje ist zwar offiziell die Residenz des Staatspräsidenten, aber alle wichtigen Regierungsämter befinden sich in Podgorica. Die Stadt wurde während des zweiten Weltkrieges fast vollständig zerstört, daher dürfte sie neu so grosszügig angelegt sein. Breite Strassen und viele Grünanlagen zeichnen die Stadt aus.

Am Nachmittag erwartet uns eine Schiffsfahrt auf dem grössten See der Balkanhalbinsel, dem Skutarisee. Der See gilt als Heimat für über 20 einheimische Vogel- und Pflanzenarten. Hier überwintern viele Zugvögel aus Nordeuropa und wir können sogar Pelikane beobachten, die seit 2014 wieder hier nisten. Den See teilt sich Montenegro mit Albanien. Auf dem Schiff präsentiert uns Milan eine montenegrinische Spezialität: «betrunkene Mäuse», wie er lachend sagt: Priganice (auf montenegrisch) ist eine Weizenmehlspeise, die in Öl frittiert und als Vorspeise mit Honig und Käse serviert wird. Dazu gibt’s ein Glas Wein aus Eigenproduktion und – wer will – kriegt einen Schnaps.

Am Sonntag fahren wir der legendären Küste Montenegros entlang. Dafür ist das Land ja berühmt: für die endlosen, sauberen Strände, die im Sommer vor allem von den Serben besucht werden, aber mehr und mehr – beziehungsweise auch wieder – von Kontinentaleuropäern wie uns. Viele dieser Strände werden regelmässig mit der blauen Fahne ausgezeichnet, dem höchsten Gütezeichen für Strände und Wasser. Auf dem Weg zur Stadt Bar erwähnt Milan, dass sie Touristen, die nicht sonderlich finanzstark sind, Tomatentouristen nennen. Natürlich wollen wir wissen, woher der Ausdruck kommt. Er lacht und erzählt, dass diese Touristen in sehr einfachen Unterkünften leben, ihr Essen von zuhause mitbringen und bloss die Tomaten dazu kaufen – weil die speziell gut schmecken in Montenegro…, was wir bestätigen können.

Aufstieg in die Altstadt Bar: Ein steiles Strässchen ist gesäumt von geduckten, zweistöckigen Häusern, deren Architektur uns daran erinnert, dass der osmanische (türkische) Stil Einfluss hatte auf das Leben hier – auch wenn die Osmanen diesen Teil des Balkans nie dauerhaft beherrschen konnten. Sehr attraktiv sind die vielen Häuser im ganzen Land, alt und neu, sie sind vorwiegend aus Kalkstein erbaut. Das Material findet sich buchstäblich im ganzen Land.

Die Altstadt von Bar – offiziell Stari Bar – liegt zwar in Ruinen. Ein Teil davon wurde 1878 anlässlich des Unabhängigkeitskrieges von den Osmanen zerstört, den Rest gab der Stadt 101 Jahre später das verheerende Erdbeben. Von den 30 Renaissance-Palästen und den 16 Kirchen und Klöstern blieben leider nur Ruinen zurück. Trotzdem zählt Stari Bar zu den kulturhistorisch wertvollsten Stätten Montenegros. In der Tat strahlen die Ruinen einen eigentümlichen Reiz aus und wir geniessen die auf einem Hügel gelegene ehemalige Stadt, die bereits von den Illyrern, den Römern, den Byzantinern und dann von 1528 an von den Osmanen (mit-)bewohnt wurde. An diesem Tag sehen wir die erste Moschee. Klar! Hier haben sich die Osmanen durchgesetzt. Während ein grosser Teil der Bevölkerung (rund 72%) Montenegros christlich-orthodox ist, wohnen im Osten des Landes auch viele Muslime, insgesamt weisen sich 16% als solche aus.

Als letzte Altstadt besuchen wir Ulcinj. Im Mittelalter ein bedeutendes Handels- und Seefahrtszentrum des serbischen Staates (von dem sich Montenegro im Jahre 2006 endgültig trennte), hat die Stadt ebenfalls eine äusserst bewegte, um nicht zu sagen blutige Geschichte hinter sich. Sogar einen Sklavenmarkt gab es hier. Einer der bekanntesten Sklaven war der spanische Dichter Miguel Cervantes. Heute hoffen die Bewohner dieses montenegrinischen Kleinstaates, dass sie die Geschenke der Natur endlich in Frieden geniessen können. Auch in der Altstadt wird eifrig renoviert – wie übrigens im ganzen Land – man bereitet sich darauf vor, Land und Städte für die zu erwartenden Touristen herauszuputzen. Überall Terrassen mit Aussicht auf die Küste. Außerhalb der Stadt beginnt der «Grosse Strand», der sich bis zur albanischen Grenze auf einer Länge von 13 Kilometern erstreckt. Damit ist dies der längste Sandstrand an der östlichen Adriaküste, der viel Platz für sonnenhungrige Touristen aus dem Norden Europas bietet.

Zum sonntäglichen Mittagessen fahren wir auf die Flussmündungsinsel Ada Bojana. Milan hat immer wieder erzählt, dass der Fisch in Montenegro speziell gut sei, weil er immer frisch gefischt und verarbeitet werde. Keine langen Transportwege, kein Fisch aus dem Tiefkühler. Das will die Hälfte der Gruppe denn doch versuchen. In einem netten, typisch aussehenden Restaurant am Wasserufer wird uns ein nahrhaftes Mahl aufgetischt: Suppe, Salat, ein knusprig gebratener Fisch beziehungsweise Huhn für jene, die Fisch nicht gerne mögen und ein honiggetränktes Dessert. Inzwischen ist allen klar, woher die Süssspeisen kommen, die uns so sehr an die Türkei und all die nordafrikanischen Länder erinnern. Die Osmanen haben ihre Spuren auch in der Küche hinterlassen.

Bevor wir das Land am Montag wieder verlassen, wollen wir uns daran erinnern, was die weisen Männer Montenegros ihren Nachfahren auf den Weg mitgegeben haben, ich zitiere Milan:

«Wenn ein Kind geboren wird, weint es, während alle anderen lächeln. Wir sollten so leben, dass es am Ende unseres Lebens umgekehrt ist: Lasst uns lächelnd sterben, während die anderen weinen.»

 

Eure Reiseleiterin

Roswitha Gassmann

 

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