Jordanien, Zauber des Orients mit Luzius Thürlimann

Luzius Thürlimann
Jordanien, Zauber des Orients
Unser Flugzeug der Royal Jordanian landet spätabends in Amman. Der Flughafen ist modern, und Ahmad, unser jordanischer Reiseführer, erledigt die Einreiseformalitäten im Handumdrehen. Kurz darauf sitzt unsere vergnügte Car-Tours-Gruppe bereits im Reisebus. Fahrer Mahmoud steuert ihn über eine breite, hell beleuchtete Strasse, am Stadtrand von Amman vorbei und dann stetig bergab. Draussen ist es stockfinster – von Jordanien sehen wir noch nicht viel.
Nach einer halben Stunde halten wir für ein Foto an einem schlichten Betonblock mit einer waagrechten Linie und der Aufschrift «Sea Level». Eigentlich müssten wir hier am Meeresufer stehen, doch die Strasse führt weiter bergab. Dreissig Minuten später, kurz nach Mitternacht, erreichen wir schliesslich das Hilton Dead Sea Resort. In dem luxuriösen Hotel sehnen wir uns jetzt nur noch nach einem: den komfortablen Betten.
Am nächsten Morgen wird klar, wo wir gelandet sind. Wir befinden uns am tiefsten Landpunkt der Welt, am Ufer des Toten Meeres, 430 Meter unter dem Meeresspiegel. Das Tote Meer ist etwa so gross wie der Genfersee. Sein Wasser enthält dreissigmal mehr Salz als normales Meerwasser, so dass der menschliche Körper mühelos an der Oberfläche treibt. Unsere Gruppenmitglieder lassen sich dieses einzigartige Erlebnis nicht entgehen und legen sich lachend auf die ölig wirkende Wasseroberfläche. Nach dem Bad tragen sie den schwarzen Heilschlamm des Toten Meeres auf – eine Wohltat für die Haut.

Frisch abgeduscht lassen wir uns am Nachmittag von Mahmoud aus der Jordansenke hinauf ins Hochland und durch die weite Wüstenlandschaft Richtung Süden fahren. Lokalführer Ahmad erzählt unterwegs viel Wissenswertes über seine Heimat. Viele unserer Teilnehmer sind bereits weit gereist – nach Jordanien sind sie gekommen, weil sie ein aussergewöhnliches Land abseits der grossen Touristenströme erleben wollen. Nach Einbruch der Dunkelheit erreicht unser Bus über eine sandige Piste das Wadi Rum, unser heutiges Etappenziel. In der Zeina Luxury Desert Lodge, einem rustikalen Wüstencamp, beziehen wir die Cottages für die Nacht.
Nach dem Abendessen wagen wir einen Blick in die Sterne. Die Wüstenluft des Wadi Rum ist trocken, Lichtquellen fehlen, und der Mond steht leer – perfekte Bedingungen für die Himmelsbeobachtung. Unter kundiger Anleitung blicken wir durch die bereitstehenden Teleskope und sehen unter anderem den Saturn, den spektakulären Ringplaneten unseres Sonnensystems, sowie den Orionnebel, rund 1300 Lichtjahre entfernt. In diesen Momenten wird uns bewusst, wie winzig wir auf unserer Erde in den Weiten des Universums sind.

Am nächsten Morgen brechen wir von unserem Camp mit Geländefahrzeugen zu einer Safari im Wadi Rum auf. Über den weiten, sandigen Wüstenboden geht es vorbei an mächtigen Felstürmen, schroffen Zinnen und durch enge Täler. Alles glüht in feurigem Orange, tiefem Rot und goldenen Beigetönen. Wir halten an mehreren Aussichtspunkten, unter anderem am imposanten Natursteinbogen «Um Sabatah». Wir können uns nicht sattsehen – die Szenerie des Wadi Rum raubt uns fast den Atem.
Am Nachmittag bringt uns Mahmoud nach Wadi Musa, unserem nächsten Etappenort und Ausgangspunkt für die legendäre Felsenstadt Petra. Mahmoud ist ein liebenswürdiger Mensch und fährt unseren Reisebus ruhig, souverän und sicher.
Früh am nächsten Morgen brechen wir nach Petra auf. Durch eine enge Schlucht mit bis zu hundert Meter hohen Felswänden wandern wir auf die Nabatäerstadt zu. Dramatischer kann ein Zugang kaum sein. Nach 1.2 Kilometern erscheint durch den Felsspalt erstmals die Silhouette des Schatzhauses. Wenige Schritte weiter öffnet sich das Tal – und der prächtige Grabtempel steht in voller Grösse vor uns.
Fast alle Monumente Petras wurden nicht freistehend errichtet, sondern direkt in die rosafarbenen Sandsteinwände des zerklüfteten Gebirges gehauen. Nach den einleitenden Erklärungen unseres Reiseführers ziehen wir in kleinen Gruppen los, um Tempel, Grabmäler und profane Bauten auf eigene Faust zu erkunden.

Petra zählt zu Recht zu den neuen sieben Weltwundern. Gegründet im 4. Jahrhundert vor Christus vom arabischen Volk der Nabatäer, lag die Stadt strategisch an der Karawanenroute zwischen Arabien, Ägypten, Mesopotamien, Syrien und dem Mittelmeerraum. Die Nabatäer kontrollierten den Handel mit Weihrauch, Gewürzen, Seide und anderen Luxusgütern.
Unsere Gruppe ist von Petra fasziniert. Die Sportlichsten wagen zusätzlich den dreiviertelstündigen, steilen Aufstieg zum sogenannten Kloster. Oben stehen sie vor der monumentalen, fünfzig Meter hohen Fassade des grössten Tempels der antiken Stadt. Die meisten Bauwerke Petras stammen aus den Jahrhunderten um Christi Geburt, der Blütezeit der Nabatäer. Mit dem Niedergang des Römischen Reiches verschwand die Stadt von der Landkarte – bis der Schweizer Forscher Johann Ludwig Burckhardt 1812 Petra wiederentdeckte.
Bevor wir die Gegend verlassen, halten wir für ein spätes Mittagessen und eine Weinprobe im Weingut «Karakale». Geschäftsführer Mohammed erklärt uns, dass bereits die Nabatäer in der Region von Petra Wein anbauten – heute jedoch ist es hier dafür zu trocken. Der Wein, den wir verkosten, stammt daher aus dem nördlichen Jordanien. Unsere Car-Tours-Gruppe findet ihn bekömmlich.
Am Nachmittag reisen wir im Bus weiter nach Aqaba, der Hafenstadt am südlichsten Punkt Jordaniens. Wir checken im Marina Plaza Hotel ein, das nur wenige Gehminuten vom Strand des Roten Meeres entfernt liegt. Jordanien ist eigentlich ein Binnenland und verfügt lediglich über einen 21 Kilometer langen Küstenstreifen am nördlichen Ende des Golfs von Aqaba. In unmittelbarer Nähe liegen Saudi-Arabien, Israel und Ägypten.
Nach den vielen Eindrücken der vergangenen Tage geniessen wir die Entspannung am Strand. Das Baden im kristallklaren Wasser des Roten Meeres ist ein Genuss, und einige Mitglieder der Gruppe können sich von den angenehm temperierten Fluten kaum lösen. Vom Strand aus verfolgen wir, wie die rote Sonne ennet dem Golf hinter dem Sinai untergeht.

Ein Flug über die jordanischen Wüstengebirge bringt uns am nächsten Morgen von Aqaba zurück nach Amman, wo uns Mahmoud am Flughafen mit dem Bus abholt. Unser Ziel ist die Ruinenstadt Jerash. Zur Römerzeit hiess sie Gerasa und war eine bedeutende Provinzstadt mit rund 20’000 Einwohnern am Ostrand des Reiches.
Die Mitglieder unserer Reisegruppe sind beeindruckt, wie gut die Stadt erhalten ist. Wir bummeln durch das Stadttor, über das von Säulen gesäumte ovale Forum, entlang der Hauptstrasse „Cardo Maximus“, vorbei an Tempeln und Theatern – und lassen uns vorstellen, wie das Leben hier vor 2000 Jahren ausgesehen haben mag. Gerasa wurde 749 nach Christus von einem schweren Erdbeben erschüttert. Dass auf den Ruinen keine neue Stadt erbaut wurde und das trockene Klima die Überreste konservierte, ermöglicht es uns heute, so viel von der römischen Stadt zu erleben.
Am späteren Nachmittag erreichen wir unser Hotel in Amman. Auf den ersten Blick wirkt die jordanische Hauptstadt weniger exotisch als andere orientalische Städte. Bei genauerem Hinsehen gibt es jedoch viel Spannendes zu entdecken. Noch vor dem Abendessen fahren einige von uns ins Stadtzentrum und tauchen in das emsige Treiben des Souks ein. Wie überall im Land begegnen uns die Menschen freundlich, offen und hilfsbereit – aber nie aufdringlich.
Am nächsten Morgen starten wir die Stadtrundfahrt. Von der Zitadelle blicken wir über das Häusermeer der 5-Millionen-Metropole. Unten in der Stadt probieren wir Kunafa, eine Spezialität aus geschmolzenem Käse, flüssigem Honig und Pistazien. Etwas süss ist das Ganze schon, aber den meisten von uns schmeckt es.
Wir beschliessen die Besichtigung Ammans mit einem Besuch des römischen Theaters. Eindrucksvoll in die Flanke eines Berges gehauen, fasst es 6’000 Personen und wird noch heute für Veranstaltungen genutzt.

Am Nachmittag verlassen wir die Hauptstadt und fahren in das 25 Kilometer entfernte Bergstädtchen Fuheis. Dort befindet sich die Karakale-Bierbrauerei – die einzige in Jordanien, einem überwiegend muslimischen Land, in dem nur etwa ein Viertel der Bevölkerung Alkohol konsumiert. Wir besichtigen die Produktion und verkosten die vielfältige Auswahl an Spezialbieren, darunter das „Dead Sea-rious“ mit Salz aus dem Toten Meer und das „Red Sea-rious“ mit Granatapfel und Blutorange. Das Städtchen Fuheis wird fast ausschliesslich von Christen bewohnt. Minarette sucht man hier vergeblich – stattdessen prägen drei Kirchen das Ortsbild.
Der letzte Abend unserer Jordanienreise bricht an. Im urgemütlichen Watar Ziryab-Restaurant in Fuheis geniesst unsere Gruppe ein Mezze-Essen – eine Auswahl kalter und warmer Gerichte der levantinischen Küche, die auf kleinen Platten serviert und unter den Gästen geteilt werden. Jeder schöpft sich, was er mag. Die Begeisterung über das köstliche Essen ist gross, die Stimmung freundlich und ausgelassen. Die gemeinsamen Erlebnisse der Woche haben unsere Gruppe zusammengeschweisst. Alle sind sich einig: Jordanien ist ein grossartiges Reiseland, und die Menschen hier sind gastfreundlich und sympathisch.
Am nächsten Morgen verabschieden wir uns am Flughafen von Lokalführer Ahmad und Busfahrer Mahmoud und heben in Richtung Zürich ab. Jordanien will uns jedoch noch nicht ganz loslassen: Über dem Mittelmeer westlich von Zypern dreht das Flugzeug plötzlich um 180° und fliegt zurück nach Osten. Aufgrund eines kleinen elektrischen Defekts hat der Pilot entschieden, zum Ausgangsflughafen zurückzukehren. Nach zwei Stunden in der Luft landen wir wieder in Amman. Ein anderes Flugzeug bringt uns nach einer Stunde Wartezeit dann aber sicher nach Zürich.
Die Verabschiedung unter den Mitreisenden der car-tours.ch-Gruppe ist herzlich. Wie fühlen uns glücklich und bereichert durch neue Bekanntschaften und die unvergesslichen Eindrücke aus Jordanien.



