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Advent im hohen Norden

Bericht vom 1. – 4. Dezember 2017

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Es berichtet für Sie unsere Reiseleiterin

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Roswitha Gassmann

«Was suchen wir andere Länder unter anderer Sonne? Entkommt, wer sein Land hinter sich lässt, sich selber?» von Horaz

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Wie bist du Reiseleiterin geworden?

Ich war als Gast unterwegs in einer Gruppe. Als der Reiseleiter entdeckte, dass ich mich in mehreren Sprachen mit Leichtigkeit unterhielt, sagte er mir: «Wir brauchen ganz dringend Leute wie Sie». Da ich gerade an einem beruflichen und privaten Scheideweg stand, nahm ich die Aufforderung an und bewarb mich – mit Erfolg.

Was zeichnet dich als Reiseleiterin aus?

Die Neugierde für neue Länder, Geschichten, Kultur, aber auch die Freude an den Menschen, die ich betreue.

Worin siehst du die Vorteile / den Mehrwert einer Gruppenreise?

Die Gäste sitzen im Bus, können hinausschauen, schlafen, lesen, und an den Zieldestinationen ist alles organisiert. Die Gäste können sich entspannen und gehen lassen. Oft entstehen anlässlich solcher Gruppenreisen Freundschaften auf ewig.

Was gefällt dir an deinen Aufgaben als Reiseleiter bei Car Tours am besten?

Den Gästen zu einem unvergesslichen Erlebnis zu verhelfen. Die meisten sind sehr, sehr dankbar dafür.

Welches Reiseziel in Europa ist dein liebstes und warum?

Ein Kollege hat mir einmal gesagt: «Touristen reisen nur an schöne, spannende Orte, deshalb ist jede Destination reizvoll». Seither muss ich immer an ihn denken, wenn mir diese Frage gestellt wird. Mir gefällt es überall – am besten vielleicht dort, wo das Essen gut!

Welche drei Dinge sind auf jeder Reise unverzichtbar?

Gute Gesundheit, Humor und die Zahnbürste

Was ist das lustigste, was du auf einer Reise mit einer Gruppe erlebt hast?

Hier hätte ich ein paar Geschichten auf Lager, allerdings stammen sie alle aus meiner Kuoni-Zeit. Ich kann jederzeit gerne nachliefern. Hier mal ein Beispiel:

Lang ist’s her: In Gran Canaria flogen jeden Sonntag zwei Schweizer Chartergesellschaften ein. Sata um 11.00 Uhr morgens, Balair um 13.00 Uhr nachmittags. Eines Tages kam Sata mit Verspätung und die Balair verfrüht an. Beide landeten um 12.00 Uhr. Mein Kollege von der Konkurrenz hatte auf beiden Maschinen Ankünfte und musste daher mit seinen verschiedenen Listen hantieren. Also fragte er alle Leute: „sind Sie mit der Sata oder mit der Balair gekommen?“ um gleich zu wissen, welche Liste er zur Hand nehmen musste. Da kam ein mittelalterlicher Herr, schaute Dominik auf seine Frage hin entsetzt an und sagte: „Ich?? Ich bin mit meiner Mutter gekommen“!!

Welches war das schönste Kompliment, das du von einem Gast erhalten hast?

Kürzlich: Es gab zwei Höhepunkte auf dieser Reise: die Oper Nabucco und Sie.

Was war dein schönstes Erlebnis bei Car Tours Reisen?

Auf meiner letzten Reise, als 47 Gäste in einer Weinverkostungskantine «joyeux anniversaire» für mich sangen. Dabei hatte ich es geheim behalten wollen.

Advent im Hohen Norden

Als ich am Freitagmorgen früh die Vorhänge zurückziehe, ist die ganze Landschaft in Weiss gehüllt. Perfekt für unsere Adventreise in den Hohen Norden. Dachte ich. Aber kurz darauf erreicht mich die Meldung von SRF, dass die Autobahn von Bern bis nach Zürich lahmgelegt sei. Ui, ist mein zweiter Gedanke. Hoffentlich schaffen alle Teilnehmenden die rechtzeitige Ankunft am Flughafen. Fazit um 10.00 Uhr morgens: Ein Vater und seine Tochter sind tatsächlich im Verkehr steckengeblieben.

Wir anderen aber landen sicher um 13.30 Uhr im winterlichen Stockholm. Gleich nach Ankunft in der Stadt empfängt uns Birgitta, eine fröhliche Schwedin mit lustigem Tonfall. Sie führt uns durch die um 15.00 Uhr bereits eindunkelnde Stadt. Ganz Stockholm erstrahlt in weihnächtlichem Lichterglanz und wir kleben staunend an den Fenstern wie kleine Kinder, die noch nie was Schöneres gesehen haben. Wir fahren durch die Innenstadt, durch die prächtigen, breiten Einkaufsstrassen, vorbei am Königsschloss, am Königlich Dramatischen Theater (weniger pompös: Schauspielhaus), dessen Jugendstilfassade uns später auch bei Tageslicht besehen einen tiefen Eindruck hinterlässt. Berühmte schwedische Künstler wie Carl Milles und Carl Larsson haben daran mitgearbeitet. Ein kurzer Spaziergang durch die Gamla Stan, die gut erhaltene Altstadt Stockholms, bezaubert uns alle. Die zahlreichen kleinen Boutiquen und Cafés sehen einladend aus. Einige Gäste erwärmen sich bereits mit einem ersten Glögg. Diese skandinavische Version unseres Glühweines ist ein Getränk aus Rotwein und Korn oder Wodka und Gewürzen, wie zum Beispiel Zimt, Kardamom, Ingwer und Nelken. Unser Hotel, das Clarion Amaranten, scheint ein beliebter Treffpunkt der «Jeunesse dorée» Stockholms zu sein. Aber auch angejahrtere Gäste – auch sie nach wie vor eindeutig «doré» (wohlhabend) – drängen sich um die Bar.

Bereits voller Eindrücke im Kopf setzen wir uns an den Abendtisch im Hotel. Eine erstklassige Kürbissuppe, eine Art Siedfleisch erster Güte und eine Pekannusstorte zum Dessert lassen Hoffnungen aufkommen: Es kann durchaus so weitergehen. Am Samstag sind zwei weltberühmte Institutionen angesagt: das Vasa-Museum und Skansen. Wir sind zeitig dran und so zeigt uns Roland, der hilfsbereite schwedische Fahrer, die Innenstadt noch einmal bei Tageslicht. Diese erneute Rundfahrt schätzen offensichtlich alle.

Würde man das Vasa-Museum nicht besuchen, wäre es, als sei man nicht in Stockholm gewesen. Ein maritimes Museum der Superlative. Ich zitiere: «Die Vasa ist das weltweit einzige verbliebene Schiff aus dem 17. Jahrhundert. Mit über 95 % erhaltener Originalteile und einer Verzierung aus Hunderten von geschnitzten Skulpturen ist die Vasa ein einzigartiger Kunstschatz und weltweit eine der herausragendsten Touristenattraktionen.»

König Gustav I. Vasa hatte den Bau des Kriegsschiffes in Auftrag gegeben. Er wollte damit wohl seinen Cousin, den polnischen König, bezwingen. Die lagen sich nämlich aus machtpolitischen Gründen in den Haaren. Aber Gustav scheint sich – als Nichtfachmann – in die Planung eingemischt zu haben und das Gefährt war zum vorneherein dem Untergang geweiht. Dass das Schiff nicht weiter als 1,3 Kilometer segelte, tut der Faszination keinen Abbruch. In jahrelanger Arbeit ist das Kriegsschiff restauriert worden. Dabei ist vorzügliche Arbeit geleistet worden. Heute gilt das Vasa-Museum als eine der grössten Touristenattraktionen weltweit. Seit der Eröffnung im Jahre 1990 haben es weit über 25 Millionen Touristen besucht.

Am Nachmittag steht Skansen (schwedisch für: die Schanze) auf dem Programm. Das Freilichtmuseum ist vergleichbar mit unserem schweizerischen Ballenberg. Die fortschreitende Industrialisierung Schwedens beunruhigte Dr. Artur Hazelius, den Schöpfer des Museums. Er wollte sicherstellen, dass der Nachwelt Relikte der einstigen Kultur Schwedens erhalten bleiben. Ungefähr 150 Gebäude aus allen Landesteilen und aus unterschiedlichen sozialen Umgebungen liess er in das Museum überführen: von Bauernhöfen aus unterschiedlichen Regionen über ein Handwerksviertel und Bürgerhäuser, eine Kirche und eine Schule, Hütten der Landarbeiter bis zum Herrenhof Skogaholm. 1907 wurde das Museum eröffnet.

In einer Reihe von Gebäuden wird das ehemalige Handwerk vorgestellt. Junge Studenten engagieren sich, Fachleute arbeiten an Wochenenden hier, Rentner scheinen ihre ehemaligen Berufe weiter auszuführen, Frauen aller Alters- und Berufsklassen erklären bereitwillig auf Schwedisch und auf Englisch wie es früher war, ohne Kühlschrank zum Beispiel. Auch hier ist der Besucher einfach «platt». Mit Staunen verfolgt man die Arbeit des Schriftsetzers, des Mechanikers, des Schreiners, der Bäckerinnen, der Buchbinder. Und überall dieser typische Duft des Holzes, des Metalls, des Brotes (das man kosten darf). Fast überkommt eine Melancholie. Wie langweilig ist unsere heutige Welt im Vergleich! Natürlich leben wir viel luxuriöser heute, wir frieren nicht mehr, wir haben fliessendes Wasser, Toiletten und Elektrizität. Hier aber: Überall prasselndes Kaminfeuer, Frauen eingehüllt in schwere Röcke, dicke Strümpfe und lange Schultertücher. Es ist alles «heimelig». Gleichzeitig will man sich nicht vorstellen, wie hart das Leben halt doch gewesen sein muss. Heimelig ist ein erster Eindruck, aber sobald man darüber nachdenkt, ist man auch wieder dankbar für die Errungenschaften unserer Zeit.

Spätnachmittags geht’s auf die Fähre. Wir verbringen die Nacht auf einem grossen, luxuriösen Schiff in Richtung Estland. Im siebten Stock erwartet uns ein phantastisches Buffet, das keine Wünsche offenlässt. Wir erfreuen uns an Lachs und Heringen und Muscheln und Crevetten – ja sogar Kaviar gibt es, oder sind es bloss einfache Fischrogen? Egal, es ist herrlich! Doch auch für jene, die Meeresgetier nicht mögen, ist reichlich gesorgt. Fleisch gibt es in vielen Varianten, warm und kalt, Käse, Salate, und natürlich ein herrliches Dessertbuffet. Dass Wein und Bier zum Nachtessen à discrétion inbegriffen sind, freut alle, denn im Hohen Norden ist Alkohol sehr teuer. Für all jene, die sich nach dem Nachtessen noch nicht hinlegen möchten, gibt es anschliessend ein Abendprogramm.

Das Frühstücksbuffet am Sonntagmorgen ist ähnlich einladend wie tags zuvor das Abendessen, man kann gar nicht so viel essen, wie man möchte! In Tallin erwartet uns Monika. Wie in praktisch allen europäischen Städten kann man die Altstadt bloss zu Fuss besichtigen. So ist es auch in dieser estnischen Stadt mit seiner entzückenden, gut erhaltenen mittelalterlichen Innenstadt. Wir trotzen dem Regen, der Kälte und der Bise, wärmen uns immer wieder auf, sei es in einer Boutique mit typisch estnischem Handwerk oder in der russisch-orthodoxen Kirche (deren Inneres ich verbotenerweise fotografiert habe). Später wärmen sich die meisten von uns in einem Restaurant auf – einige aber sind hart im Nehmen und tummeln sich auf dem Weihnachtsmarkt, bevor wir wieder die Fähre nehmen, die uns in zwei Stunden nach Helsinki bringen wird.

Auch hier: vorzügliches Hotel direkt am Wasser, sehr gutes Nachtessen… Und diesmal haben die Gäste nach der ausführlichen Stadtrundfahrt geradezu verschwenderische zwei Stunden Zeit, um den Weihnachtsmarkt auf dem Senatsplatz zu besuchen. Etwas, worauf wir die ganze Zeit gehofft und gewartet haben, passiert endlich: Es schneit!

Zum Abschied also die erträumte Adventsstimmung, die wir am Montagabend auf den Heimweg zurück in die Schweiz mitnehmen.

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